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Aus der Neuen Solidarität Nr. 22/2008

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„Verdoppelung der Nahrungsmittelproduktion muß auf die Agenda der FAO!“

Alberto Cantero ist Abgeordneter und Vorsitzender des Ausschusses für Landwirtschaft und Viehzucht in der argentinischen Deputiertenkammer. Das Gespräch mit ihm führte Emiliano Andino von der LaRouche-Jugendbewegung am 15. Mai.

Cantero: Nun, die Rolle wiederherzustellen, die der Staat und alle Regierungen hinsichtlich der Frage der Nahrungsmittelsicherheit innehaben, ist eine sehr wichtige Angelegenheit. Wir denken, daß es die Frage der Ernährungssicherheit war, die den Anstoß zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft gab. Sie ist von solcher Größe und Bedeutung - und heute noch mehr -, daß  die großen Investmentgruppen nach dem Kollaps des Hypothekenbooms in den Vereinigten Staaten darangehen, die Nahrung und die Nahrungsmittelreserven der Welt an sich zu reißen. Die Preise der Grundnahrungsmittel haben sich innerhalb von 24 Monaten praktisch verdoppelt, was sehr ernste Probleme verursacht.

In Argentinien herrscht in dieser ganzen Angelegenheit ein Durcheinander - oder vielmehr, ein von Seiten bestimmter Interessen sehr gut organisiertes Durcheinander. Das sind praktisch alles multinationale Finanzkonzerne. Wir haben immer noch die Organisation, die wir von der Militärdiktatur von 1976 geerbt haben, die durch die politischen Reformen der neunziger Jahre konsolidiert und vervollkommnet wurde und in der praktisch alle Aspekte der Produktion, des Handels und der technischen Modelle, die mit der Verteilung und Vermarktung von Getreide und Nahrungsmitteln zusammenhängen, in den Händen des freien Marktes gelassen wurden.

Wir schlagen deshalb die Schaffung einer Behörde vor, deren Aufgabe es zunächst einmal ist, in aller Welt für die Qualität der argentinischen Nahrungsmittel zu werben. Zweitens wollen wir alle monopolistischen Formationen, Kartellierung und oligopolistische Praktiken vermeiden, denn in Argentinien beherrschen fünf große Finanzgruppen die Vermarktung von Nahrungsmitteln. Diese großen Finanzgruppen bestimmen auch die Preise und die Verteilung innerhalb des Landes.

Deshalb brauchen wir eine Einrichtung, die in der Lage ist, für den Verkauf unserer Nahrungsmittel in aller Welt zu werben und Freiheiten zu garantieren, um die Transparenz der Märkte sicherzustellen - eine Einrichtung, die auch die Sicherheit der Ernährung des Landes gewährleisten und sich des gesamten Komplexes, oder vielmehr der gesamten Produktionskette vom Anbau des Weizens bis hin zum gebackenen Brot annehmen kann.

Die Produktionskette von Nahrungsmitteln erzeugt auch eine Wertschöpfungskette. Wir müssen deutlich machen, wieviel Mehrwert – von der Aussaat des Weizens bis hin zu dem Brot, das man verkauft - hinzugefügt wird, um falsche Zwischenträger zu vermeiden, die im allgemeinen nicht nur die Preise verzerren, sondern auch den Zugang zu Lebensmitteln erschweren. Hier gibt es immer zwei Opfer: Denjenigen, der auf dem Land Nahrungsmittel erzeugt, und denjenigen, der sie in den Städten verbraucht.

Indem sie die Entwicklung der Landwirtschaft, der Lebensmittelindustrie und der Nahrungsmittelverarbeitung unterstützt, fördert eine solche Behörde also auch eine Entwicklung der Wirtschaft, die sowohl transparent als auch verantwortungsvoll ist. Gleichzeitig kann sie, wenn auch auf andere Weise, die Produzenten und Unternehmer in der Lebensmittelindustrie, die weniger Ressourcen haben, unterstützen, so daß sie sich zusammenfinden und organisieren und vor allem sehr gute Methoden sowohl für die Erzeugung der Agrarprodukte als auch für den Verarbeitungsprozeß entwickeln, weil dies die Ernährungssicherheit beeinflußt. Und sie würde dann, wenn in diesem Prozeß Verzerrungen sichtbar werden, Kompensationen anbieten.

Natürlich gibt dies dem Staat auch die Mittel, in dem Maße Nahrung oder landwirtschaftliche Produkte zu kaufen, zu lagern, zu verkaufen und zu verteilen, in dem es zu solchen Verzerrungen des Marktes kommt.

Cantero: Ja, das ist die Nationale Behörde zur Kontrolle und Förderung des Agrarhandels.

Weltweiter Hunger ist sozial unmoralisch

Cantero: Zunächst einmal halte ich es für sehr wichtig, das auf die Tagesordnung zu setzen. Es ist sozial unmoralisch, im globalen Maßstab - wir können also von einer planetaren sozialen Unmoral sprechen - zuzusehen, wie Kinder hungern, schwangere Frauen unterernährt sind und Menschen an Hunger sterben, insbesondere angesichts des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts, den wir erreicht haben. Das gilt auch für die Energie und für die Nahrungsmittelproduktion, denn es ist sehr klar, daß das, was mit der Energie geschieht, immer auch eine Wirkung auf die Nahrungsmittelproduktion hat.

Ich wiederhole: Heute ist es eine globale Unmoral, daß es Kinder gibt, die an Hunger sterben, weil sie keine Nahrung bekommen können. Auf der Welt existieren die Bedingungen, Nahrung für alle zu produzieren - Qualitätsnahrung für alle. Ich denke also, daß es die Verantwortung von uns allen ist, dies auf die Tagesordnung der FAO zu setzen, und ich halte es für ausgezeichnet, daß die Jugend diese Diskussion erzwingt.

Was kann Argentinien in dieser Hinsicht tun? Heute produziert Argentinien auf rund 30 Mio. ha Land rund 100 Mio. Tonnen an Agrarprodukten und Vieh. Wenn wir zwei Ernten einbringen und moderne Technologien einsetzen, können wir das auf 33 bis 34 Mio. ha ausweiten.

Aufgrund des Klimawandels können wir die Anbauflächen auf rund 40 Mio. ha ausweiten, auch wenn wir Vorsichtsmaßnahmen treffen müssen, denn der Klimawandel bringt uns zwar in einen feuchteren Zyklus, der ist aber auch klimatisch viel instabiler. Das heißt, die Durchschnittstemperatur ist höher, es fällt mehr Regen, aber es gibt auch größere Störungen in der Atmosphäre, die den Klimawandel und die Instabilität auslösen. Wir haben auch eine enorme Menge intensiver Regenfälle, die uns zwingen, unsere Landnutzung zu verändern, um eine Erosion oder Zerstörung der Böden zu verhindern.

Argentinien kann also die [Anbau-] Flächen ausweiten, um weitere knapp 40 Mio. Tonnen zu erzeugen, und angesichts der wissenschaftlichen und technologischen Fortschritte könnte es innerhalb von 10 Jahren 150 Mio. Tonnen Nahrungsmittel erzeugen. Wenn die technologischen Fortschritte bei der Gentechnik und ähnlichen Gebieten eingeführt werden, könnte Argentinien innerhalb von 15 Jahren 200 Mio. Tonnen an Primärprodukten erzeugen.

Mit einer Bevölkerung von 40 Mio. Menschen wäre Argentinien also in der Lage, Qualitätsnahrung für 500 bis 600 Mio. Menschen weltweit zu erzeugen. Das ist enorm wichtig für unser Land, aber es wird auch eine Wirkung auf die globale Wirtschaft haben.

Es gibt hochentwickelte Länder mit großen Subventionen, was ich respektiere, denn diese Subventionen haben eine soziale und wirtschaftliche Funktion in diesen Ländern. Aber sie verzerren auch die globale Wirtschaft. Auf der einen Seite schaffen sie für sich selbst Ernährungssicherheit in der nördlichen Hemisphäre. Aber diese Nahrungsmittel-Selbstversorgung bedeutet auch indirekt, daß ihre Nahrungsmittel-Überschüsse auf den Weltmarkt gelangen. Sie weisen also Argentinien die Rolle zu, ausgewogenes Futter für die Tiere der Ersten Welt oder Biotreibstoffe zu erzeugen. Ich glaube nicht, daß das gut ist für Argentinien oder für die Welt. Wir müssen Nahrung für diese 500 Mio. Menschen erzeugen, was uns selbst die Entwicklung unserer Wirtschaft, Fortschritt und Wohlstand erlauben wird - aber auch, unserer sozialen Verantwortung gegenüber der Menschheit gerecht zu werden.

Die beste Agrartechnik nutzen

Cantero: Nein, nein, nein. Es impliziert eine integrierte Politik, und vor allem eine, die die Menschen berücksichtigt. Öffentliche Projekte sind oft so definiert, daß sie eine größere Produktion von Schweinen, Rindern, Soja, Weizen oder Mais erlauben. Aber wir müssen für die Menschen sorgen, die sie produzieren, daß ihr Leben eine Lebensqualität hat, und wir müssen das Konzept öffentlicher Projekte zu einem Konzept öffentlicher Investitionen verändern. D.h., daß diese öffentlichen Projekte auch die Infrastruktur wirklich verbessern, und nicht das Land oder die Bevölkerung zerstören.

Cantero: Vor 100 Jahren war Argentinien der Brotkorb der Welt. Es produzierte Getreide für die ganze Welt. Heute, in diesem 21. Jahrhundert, muß Argentinien ein Lebensmittelproduzent werden. Und wenn wir sagen, daß wir Nahrung produzieren, dann heißt das nicht, daß wir der Welt bloß Sojabohnen, Weizen und Mais liefern. Wir geben der Welt vielmehr Lebensmittel, die aus dem verarbeiteten Getreide hergestellt werden. Und wir reden hier von Verarbeitung, wir reden von Lebensmittelindustrien, Zentren der Erzeugung und Innovation, der ganzen technologischen Seite dieser Dinge.

Wir müssen uns mit der Gentechnik befassen, mit allem, was mit Bioziden [Schädlingsbekämpfung, d. Red.] und Düngemitteln zu tun hat, und wir müssen uns mit unserem Ökosystem in einer integrierten Weise befassen, damit wir nicht die Umwelt, in der wir arbeiten, zerstören. Wenn wir von Nahrungsmittelproduzenten sprechen, sprechen wir auch davon, die fortgeschrittensten Technologien zu beherrschen, sowohl hinsichtlich des Materials als auch in der Informationstechnik - Elektronik, Gentechnik und Biotechnik, die es uns erlauben werden, mit der größten Effizienz Lebensmittel bester Qualität zu erzeugen.

Cantero: Wir begrüßen in aller Bescheidenheit die privaten Unternehmen der Welt. Aber es ist wichtig, daß jedes Land eine klar definierte Politik verfolgt, so daß die Investitionen der privaten Unternehmen, die in dieses Land kommen, nach den Anforderungen der Politik der jeweiligen Länder arbeiten. Vor allem darf die Welt nicht von 50 multinationalen Unternehmen mit riesigen finanziellen Überschüssen beherrscht werden, die unsere Wirtschaft und unsere friedliche Existenz zerstören und sogar Kriege fördern. Im 21. Jahrhundert muß die Welt in Frieden leben, und in dieser friedlichen Welt muß es Gerechtigkeit für alle geben. Wenn es die nicht gibt, gibt es auch nicht genug Nahrung für alle Menschen.

Cantero: Diese Absicht ist richtig, aber es wird nicht einfach so geschehen. Ich gratuliere Ihnen dazu, daß Sie das tun. Aber wir haben es mit einer enormen Konzentration finanzieller Macht zu tun, die manchmal sogar die entwickeltsten Länder beherrscht. Hoffen wir, daß wir die Bedeutung und Stärke aufbringen, daß die Vereinten Nationen wirklich helfen, diesen Prozeß wieder in Richtung Frieden zu steuern.

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