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Neue Solidarität
Nr. 29, 20. Juli 2011

Die Deregulierung des Finanzsektors rückgängig machen!

Lehren aus der Finanzkrise - Vorschläge für einen Neuanfang -
Neuregulierung des Finanzsektors

Von Prof. Christen Sørensen

Christen Sørensen lehrt Volkswirtschaft an der Universität von Süddänemark und war Vorsitzender des dänischen Wirtschaftsrates (dem Gegenstück der „fünf Wirtschaftsweisen“ in Deutschland). Den in englisch gehaltenen Vortrag können Sie als Video unter http://www.schiller-institut.de/seiten/2011/ruesselsheim/20110702-soerensen.html im Internet ansehen.

Mein Vortrag schließt sehr gut an den meines Vorredners (Prof. Eric de Keuleneer, Ökonom an der Solvay-Wirtschaftshochschule in Belgien, siehe S. 3-4) an, denn viele dort angesprochene Punkte kann ich nur unterstreichen. Ich möchte mich hauptsächlich mit dem „Angelides-Bericht“ beschäftigen, der auch „Untersuchungsbericht über die Finanzkrise“ genannt wird. Dieser Bericht des amerikanischen Kongresses wurde von zehn Abgeordneten, sechs Demokraten und vier Republikanern, erstellt. Er ist über 600 Seiten lang und hat mehr als 6000 Fußnoten.

Die in ihm enthaltenen Informationen sind sehr nützlich, wenn wir überlegen, wie es weitergehen soll. Ich habe selbst ein 60seitiges Papier darüber geschrieben, so daß ich für mich in Anspruch nehmen kann, einiges darüber zu wissen. Der Bericht hat eine besondere Qualität, da er überwiegend aus Befragungen und nicht so sehr aus Analysen statistischer Angaben besteht, wie man sich das gewöhnlich vorstellen würde. Außerdem ist sehr wichtig, anzumerken, daß darin nur beschrieben wird, wie sich die Krise entwickelt hat; er enthält keine genauen Vorschläge, was getan werden sollte. Doch wenn man den Bericht liest, erhält man schon einen Eindruck davon, was getan werden muß, und das ist gut.

Meine Analyse dieses Berichts, so kann man wohl sagen, geht von einem traditionellen ökonomischen Standpunkt aus, wobei ich allerdings den Finanzsektor kritisch betrachte, wie wir bereits gehört haben. Ich meine, man kann viel von diesem Bericht lernen.

Ein Aspekt davon ist, daß man immer eine vernünftige öffentliche Politik betreiben muß, und man kann keine öffentlichen Dienstleistungen anbieten, wenn man nicht bereit ist, dafür zu bezahlen. Das ist aber die Realität in den USA und vor allem auch die Realität in Griechenland, doch ich will hierauf nicht genauer eingehen, sondern mich auf den Angelides-Bericht konzentrieren.

Außerdem werde ich nur zwei Aspekte herausgreifen, wozu insbesondere das Versagen der Kredit-Ratingagenturen, wovon soviel die Rede war, und der Finanzaufsichtsbehörden zählt.

Man muß sich schon genaue Gedanken darüber machen, wie es zu diesem eklatanten Versagen kommen konnte. Es gibt bekanntermaßen drei wichtige Ratingagenturen auf der Welt: Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch. In dem Angelides-Bericht wurde Moody’s stellvertretend für die anderen gewählt, und ich möchte zitieren, was dort über die Arbeit der Ratingagenturen geschrieben wird:

Wir kommen zu dem Schluß, daß das Versagen der Ratingagenturen ein wesentliches Rad im Getriebe der finanziellen Zerstörung war. Die drei Ratingagenturen spielten eine entscheidende Rolle bei der finanziellen Kernschmelze. Ohne ihr Gütesiegel hätten die hypothekenbesicherten Wertpapiere, die im Zentrum der Krise standen, nie vermarktet und verkauft werden können. Anleger verließen sich oft blindlings auf sie. In einigen Fällen waren sie verpflich­tet, sie zu nutzen, in anderen hingen regulative Kapital-Standards von ihnen ab. Ohne die Ratingagenturen hätte die Krise nicht stattfinden können. Ihre Bewertungen ließen den Markt anschwellen, und die Herabstufungen der Jahre 2007 und 2008 richteten auf den Märkten und bei vielen Firmen verheerende Schäden an.“ (S. xxv, Herv. hinzugefügt, C.S.)

Zu diesem Ergebnis kommt der Angelides-Bericht.

Mit Zustimmung der Rating-Agenturen wurde eine Unmenge an toxischen Papieren, Wertpapieren in Umlauf gebracht. Sie basierten überwiegend auf Subprime-Hypotheken oder auch AAA-Hypotheken. Eine große Anzahl davon wurde zu einer neuen Einheit zusammengefaßt, und auf dieser Grundlage entstanden mehr als 20 verschiedene mit Eigenheim-Hypotheken besicherte Wertpapiere. Bei der 1. Priorität hatte man das Recht, sein gesamtes Geld zurückzubekommen, und nur wenn der erste sein Geld erhalten hatte, würde man den zweiten berücksichtigen usw. Moody’s und die anderen gingen nun hin, und obwohl es sich um Subprime-Hypotheken handelte, konnten sie es mit diesem Verfahren so hinbiegen, daß 80% der Papiere eine AAA-Bewertung von den Agenturen bekamen.

Wie konnten sie so etwas Verrücktes tun? Sie verwendeten sehr komplizierte Modelle, und selbst jene, die diese Modelle prüfen sollten, verstanden sie nicht. Auch in Dänemark wissen wir, daß Menschen nur ungern zugeben, daß sie etwas nicht verstehen. Wie wir ja aus Hans Christian Andersens Märchen von „Des Kaisers neue Kleider“ wissen, mußte erst ein Kind kommen und sagen: „Er hat ja gar keine Kleider an!“

Was sie taten, beruhte im Wesentlichen auf zwei wichtigen - und falschen - Annahmen. Auf der Grundlage dieser Annahmen simulierten sie dann eine Vielzahl von Szenarios. Im Durchschnitt wurde bei diesen Berechnungen angenommen, daß die Preise für Häuser um vier Prozent im Jahr steigen würden. Das war die erste Grundannahme. Die zweite Grundannahme war, daß gesagt wurde, wenn der Preis eines Hauses sinkt, hätte das keine Auswirkungen auf die anderen. Aber wenn der gesamte Eigenheim-Markt abstürzt, dann wird natürlich nicht nur der eine Hausbesitzer getroffen, sondern fast alle. Deswegen würde ich fast sagen, daß diese Vorgehensweise eine kriminelle Handlung war.

Meines Erachtens ist es deswegen sehr wichtig, Glass-Steagall einzuführen, aber es ist auch nötig, das, was falsch gelaufen ist, viel breiter zu betrachten. Und aus diesem Grund ist der Angelides-Bericht so wichtig.

Wie wir bereits gehört haben, waren die Ratingagenturen anfangs keine börsennotierten Unternehmen. Das geschah erst im Jahr 2000, und danach änderten sie ihr Geschäftsgebaren völlig. Ich zitiere noch einmal aus dem Angelides-Bericht:

„Viele frühere Beschäftigte sagten, daß sich nach der Börsennotierung [von Moody’s] (im Jahr 2000) die Firmenkultur änderte - sie machte den Übergang ,von einer Kultur, die einer akademischen Universitätseinrichtung ähnelte, zu einer Kultur, bei der nur noch der Gewinn zählt’ ... Der frühere Geschäftsführer Jerome Fons, der dafür verantwortlich war, die Firmengeschichte von Moody’s zusammenzustellen, stimmte zu: ,Das Hauptproblem war... daß das Unternehmen besonders in den strukturierten Märkten dermaßen auf Gewinne, auf Marktanteile fixiert war... daß man gern wegschaute und den Ruf der Firma für kurzfristige Profite eintauschte.“ (S. 207)

Das wird in dem Bericht von anderen Mitarbeitern von Moody’s noch weiter ausgeführt, und ich möchte ein weiteres interessantes Zitat anführen; es stammt von Andrew Kimball, dem Finanzchef von Moody’s:

„Im Idealfall sollte die Wettbewerbsfähigkeit das Hauptkriterium für die Ratingqualität sein, eine zweite Kompetente ist der Preis und eine dritte die Serviceleistung.

Angesichts der Umständlichkeit der Leistungsbewertung erweist sich unter den drei Wettbewerbsfaktoren die Ratingqualität leider als die schwächste... Das wirkliche Problem ist nicht, daß der Markt die Ratingqualität unterbewertet, sondern daß sie in einigen Bereichen die Qualität sogar bestraft, indem Bewertungsmandate für das höchste Rating auf Grundlage der niedrigsten Bonitätsverbesserung gewährt wird. Ungehinderter Wettbewerb auf dieser Basis kann das gesamte Finanzsystem in Gefahr bringen. Es zeigt sich, daß die Ratingqualität erstaunlich wenig Freunde hat: Emittenten wollen hohe Ratings; Anleger wollen keine Rating-Herabstufungen; und Banker drängen die Ratingagenturen, bei der Bewertung noch einige Basispunkte aufzuschlagen.“ (S. 210-211, aus dem Kimball-Memorandum vom Oktober 2007.)

Daraus müssen wir eine Lehre ziehen, denn das Problem war, daß die Ratingagentur ein börsennotiertes Unternehmen wurde, und wenn sie von Profit abhängen und gleichzeitig das Geschäft der anderen auf ihre guten Ratings angewiesen ist, ist klar, daß hier eine moralische Gefährdung vorliegt.

In der Wirtschaft gibt es noch ein anderes Wort dafür. Es nennt sich das „Greshamsche Gesetz“, denn Gresham hat gezeigt, daß schlechtes Geld das gute Geld verdrängt. Der Begriff stammt aus Zeiten der Doppelwährung mit Gold- und Silbermünzen, und Gresham hat vor vielen Jahren diese grundlegende Tatsache gelehrt, daß nämlich ganz allgemein schlechte Dinge die guten Dinge verdrängen.

Deswegen ist es dringend notwendig, hier einzugreifen; die Ratingagenturen sollten der Kontrolle oder der direkten Gewalt der Zentralbanken unterstellt werden, denn schließlich sind es die Zentralbanken, die nachher den Saustall wieder aufräumen müssen. Hier sollte also hart durchgegriffen werden, und der Angelides-Bericht drückt das meines Erachtens klar und deutlich aus.

Ich denke, das, was ich hier sage, stimmt im Wesentlichen mit dem überein, was Sie in Ihrem Vortrag gesagt haben, jedenfalls interpretiere ich das so.

Das Versagen der Aufsichtsbehörden

Die zweite Frage ist, warum die Aufsichtsbehörden so gravierende Fehler begingen. Ich möchte noch einmal aus dem Angelides-Bericht zitieren:

Wir kommen zu dem Schluß, daß sich verbreitetes Versagen bei der Finanzregulierung und -aufsicht für die Stabilität der Finanzmärkte unserer Nation als verheerend erwiesen hat. Der verbreitete Glaube an die selbstregulie­rende Natur der Märkte und die Fähigkeit der Finanzinstitutionen, sich selbst zu überwachen, hatte die Wachen an ihren Posten einschlafen lassen. Über 30 Jahre Deregulierung und Vertrauen auf die Selbstregulierung von Finanzinstitutionen, wofür sich der ehemalige Federal-Reserve-Vorsitzende Alan Greenspan und andere stark gemacht hatten, was von mehreren aufeinander folgender Regierungen und Kongressen unterstützt und bei jeder Gelegenheit aktiv vorangetrieben wurde durch die mächtige Finanzindustrie, hatten entscheidende Sicherungssysteme ausgeschaltet, die die Krise hätten verhindern können. Diese Vorgehensweise hatte Überwachungslücken in kritischer Bereichen entstehen lassen, bei denen es um Billionen von Dollar ging, wie z.B. dem Schattenbankensystem und den außerbörslichen Derivatemärkten. Zusätzlich hatte es die Regierung zugelassen, daß sich die Finanzunternehmen ihre Regulierungsbehörde selbst auswählen konnten, was ein Wettrennen um die nach­lässigste Überwachung auslöste.“ - Das ist wohl das Greshamsche Gesetz! - „Die Ansicht, den Regulierungsbehörden hätte die Macht gefehlt, das Finanzsystem zu schützen, akzeptieren wir jedoch nicht. Sie hatten in vielen Bereichen ausreichend Befugnisse, machten davon jedoch keinen Gebrauch... Zu oft fehl­te ihnen - gefangen in politischen und ideologischen Grenzen - der politische Wille und auch der Mut, das System und die Institutionen herauszufordern, deren Aufsicht in ihre Hände gelegt war.“ (S. xviii)

Das sind ziemlich harte Worte, wie ich finde. Hieraus sollten wir ebenso unsere Lehren ziehen, und ich möchte zwei Dinge vorschlagen. Einer der größten Fehler in den Vereinigten Staaten war, daß es zu viele Überwachungsbehörden gab, so daß letztlich niemandem die wirkliche Verantwortung oblag - nach dem Motto: „Das ist nicht mein Problem, das ist das Problem der anderen.“ Es gibt dort nicht nur viele Überwachungsbehörden auf einer Ebene, sondern es gibt auch Einrichtungen auf Bundes- und auf Länderebene.

Die Gesetze wurden in einer Weise geändert, daß sich die Finanzfirmen ihre Regulierungsbehörde selber aussuchen konnten, und da sie für die Überwachung bezahlen müssen, wählten sie sich jene, die die geringsten Kosten veranschlagten. Deswegen ist es sehr gefährlich, sich die Finanzfirmen ihre Überwachungsstelle selber aussuchen zu lassen. Sie sollten ihre Gebühren in einen gemeinsamen Fonds einzahlen, und dann sollte der Staat ihnen die Regulierungsvorschriften auferlegen. Es ist sehr wichtig.

Noch eine dritte Sache bezüglich der Bankaufsicht wird im Angelides-Bericht erwähnt. Wenn man es mit einer großen Finanzfirma zu tun hat, die Geld nur so scheffelt, und einem Vorstandschef, der in einem Monat soviel Geld verdient, wie man selbst im ganzen Leben nicht zu verdienen träumt, dann ist das für sie ziemlich beeindruckend. Das erscheint ganz normal. Doch der Angelides-Bericht fordert, daß man diese Einstellung nicht annehmen sollte. Man muß mehr Selbstvertrauen haben. Man darf sich nicht von der Pflicht abhalten lassen, Kritik zu äußern. Das ist meines Erachtens sehr wichtig für die Bankaufseher.

Neben diesen beiden Punkten, die ich aufgegriffen habe, speist sich der Angelides-Bericht aus vielen weiteren Quellen, von denen man lernen kann. Wieviel Geld für Lobbyarbeit ausgegeben wurde, wie unglaublich dumm Leute waren, welche riesigen Bonuszahlungen sich die Manager selbst zahlten usw. Es wird einem richtig schlecht, wenn man das liest, aber das ist die Realität.

Damit möchte ich meinen Vortrag beenden, denn die Zeit wird knapp, aber ich meine, wir können dem Angelides-Bericht einiges entnehmen, wie der Weg in die Krise geebnet wurde. Das Problem ist, wie mein Vorredner bereits hervorgehoben hat, wie wenig im Anschluß getan wurde, wie wenige Restriktionen dem Finanzsektor auferlegt wurden - und das nach der größten Krise seit den dreißiger Jahren und möglicherweise noch davor! Das ist wirklich erstaunlich, daß nichts getan wurde.

Es bleibt also eine um so größere Aufgabe zu erfüllen, denn aufgrund der Finanzkrise sind die größten Unternehmen noch größer geworden; es bestand ja das Risiko, daß eines von ihnen pleite gehen könnte, und deswegen wurde es von anderen geschluckt. Mag sein, daß sie dazu gezwungen wurden. Mindestens zwei Investmentbanken wurden von Geschäftsbanken aufgekauft. Eine ging pleite - das war Lehman Brothers. Das ist eine andere Frage, aber wir stehen hier vor einer riesigen Aufgabe.

In meinem eigenen Land, Dänemark, habe ich gefordert, daß eine Finanzkommission die Geschehnisse untersucht. Es ist schon verwunderlich, daß wir noch nicht einmal zu untersuchen wagen, was sich in Dänemark abgespielt hat. Können wir gar keine Lehren daraus ziehen? Unsere führenden Politiker scheinen nicht davon auszugehen. Das ist schon sehr erstaunlich nach allem, was geschehen ist.

Ich bedanke mich für Ihr Interesse. Vielen Dank.


Den ersten Teil der schriftlichen Dokumentation der Konferenz des Schiller-Instituts finden Sie in der letzten Ausgabe, die Video-Mitschnitte der Konferenzbeiträge finden Sie auf der Internet-Seite des Schiller-Instituts.