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Neue Solidarität
Nr. 1-2, 8. Januar 2014

Die EU hat Kosovo verraten

Feride Istogu-Gillesberg berichtet über ihre Eindrücke bei einem Besuch im Kosovo.

Ich war Mitte Oktober eine Woche in Kosovo, meiner Heimat. Was auffällt, ist, daß sehr viel gebaut wurde - Autobahnen, Straßen, viele Häuser, Gebäude. Pristina, die Hauptstadt, ist total neu asphaltiert. In Pristina wurde unsere erste Kathedrale gebaut. Sie hat den Namen „Mutter Theresa“ und steht jetzt fast ganz fertig mitten im Herzen von Pristina. Kosovo wirkt wie neu!

Leider reflektiert dieser Schein nicht den Ernst der Lage. In Kosovo kann man ein flottes Haus haben, in der eine Familie lebt, die aber nur knapp über die Runden kommt. Die meisten Albaner haben ein oder mehrere Familienmitglieder im Ausland. Die Familienmitglieder, die in ganz Westeuropa, den USA oder Kanada verstreut sind, sind die Rettung für die Mehrzahl der Bevölkerung in Kosovo. Ohne diese Hilfe wären viele schon verhungert.

Ich habe eine Tante, die in einem Vorort von Pristina lebt. Deren Rettung ist, daß sie eine Tochter in Norwegen haben, die dort Krankenschwester ist und monatlich Geld schickt. Meine Tante lebt mit ihrem Mann, ihrem jüngsten Sohn, der Schwiegertochter und deren neugeborenem Baby. Sie leben in einem Haus, das mit dem Geld ihres Sohnes gebaut wurde, als er mehrere Jahre in Deutschland gearbeitet hatte. Der Mann ist Taxifahrer, der Sohn arbeitet als praktische Aushilfe in einem privaten Krankenhaus. Obwohl zwei arbeiten, haben sie gerade genug zum leben. Und diese Familie ist noch gut gestellt im Verhältnis zu den meisten anderen.

Offiziell liegt die Arbeitslosigkeit bei 45%, aber in Wirklichkeit ist sie sehr wahrscheinlich höher. Die Jugendarbeitslosigkeit ist in der offiziellen Statistik nicht ausgewiesen. Die meisten Jugendlichen haben nur eins vor Augen: Sie wollen aus Kosovo raus, weil sie dort keine Zukunft sehen.

Sehr viele Albaner sind nach dem Krieg freiwillig nach Kosovo zurückgekehrt. Keiner hätte sich träumen lassen, daß Kosovo nach Jahrzehnten unter brutaler serbischer Unterdrückung, Ausnahmezustand und täglichem Terror von militärischen und paramilitärischen Einheiten, heute unter schlimmeren wirtschaftlichen Umständen leiden würde. Es herrscht eine enorme Enttäuschung und Entsetzen. Alle kämpfen um das eigene Überleben. In Kosovo gibt es kein soziales Sicherheitsnetz mehr. Arzt- und Krankenhausbesuche sowie Medizin müssen aus eigener Tasche bezahlt werden. Ein Rentner muß zusehen, wie er von 40 Euro im Monat überleben kann. Ein Arzt verdient ca. 300 Euro im Monat, ein Lehrer 250, ein Taxifahrer 200.

Es gibt kaum eine Fabrik in Kosovo. Die Privatisierung und Liberalisierung hat die produktive Wirtschaft ruiniert. 60% der Leute, die im produktiven Bereich gearbeitet haben, sind heute arbeitslos. So wurde vielen Menschen die Lebensgrundlage genommen.

Ich habe einen Onkel in Peja, der über 40 Jahre lang in der Brauerei von Peja gearbeitet hat. Vor der Liberalisierung hatte er eine nach dortigen Verhältnissen gute Rente von über 450 Euro. Mit der Liberalisierung bekommt er jetzt 40 Euro im Monat. Er und seine Frau sind beide erkrankt, sie müssen aber selbst zusehen, wie sie ihre Medizin bezahlen. So stehen Menschen oft vor der Qual der Wahl, ob sie dieses wenige Geld, das sie haben, für Medizin, Essen oder auch Elektrizität ausgeben sollen. In Kosovo sind Stromausfälle der Alltag. Viele können den Strom einfach nicht bezahlen. Dieser Onkel hat vier Söhne, die alle aber auch Kinder haben, nur einer arbeitet, aber nur halbtags.

Die Lage in Kosovo ist unerträglich und wirkt sehr hoffnungslos. Europa hat Kosovo verraten, wie jetzt auch die Griechen und alle anderen verraten werden. Sehr vielen Leuten ist jetzt bewußt geworden, daß die Intervention damals nicht in der Absicht geschah, Kosovo zu befreien, sondern, es einem anderen Joch zu unterwerfen. Nun herrscht eine richtige Aufruhrstimmung. Die Bewegung Vetevendosja („Selbstbestimmung“) ist jetzt eine starke Bürgerbewegung. Sie hat zwölf Mandate im Parlament und hat jetzt auch die Kommunalwahl in Pristina gewonnen. Diese Partei ist für eine wirkliche Selbstständigkeit Kosovos. Ihr Ziel ist, Kosovo von dem neuen Joch zu befreien, um Kosovo durch eine produktive Aufbaupolitik zu entwickeln.

Der Westen mag Vetevendosja nicht, aber diese Bewegung ist die Hoffnung der Mehrzahl der Bürger Kosovos, weil sie das Interesse der Bürger vertritt.

Feride Istogu Gillesberg