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Neue Solidarität
Nr. 18, 29. April 2015

Indiens Premierminister Modi auf der Hannover Messe

Indien und sein Premier stellten sich in Deutschland vor. Wird Deutschland das Angebot annehmen, Wohlstand für 1,25 Milliarden Inder zu schaffen?

Der Besuch des indischen Premierministers Narendra Modi in Deutschland wird hoffentlich von einer größer werdenden Zahl von Menschen als bedeutende Chance und wichtige Wegmarke erkannt. Modi repräsentiert die neue Dynamik und den Aufbauwillen der BRICS-Staaten, die in atemberaubendem Tempo eine enorme Fülle neuer Mega-Entwicklungsprojekte angehen, bei denen Deutschland als Maschinenbau- und Technologieland, aber auch als Spezialist für Logistik- und Verkehrstechnik eine bedeutende Rolle spielen soll.

Indien ist dabei ein besonderer Fall, und Modi verpaßt keine Gelegenheit, diese Besonderheiten herauszustellen: Über 700 Millionen Inder sind unter 35 Jahre alt. Dieser demographisch junge Subkontinent ist von dem optimistischen Drang ergriffen, seine Rückständigkeit innerhalb der kommenden 25 Jahre ein für alle Mal zu beseitigen. Die zu diesem Zweck von Indiens Regierung ins Leben gerufene Kampagne nennt sich „Make in India“, und ihr Aushängeschild, ein ausgewachsener männlicher Löwe, ist dem entsprechend allgegenwärtig.

So auch auf der diesjährigen Hannover-Messe, eine der größten Industriemessen weltweit, die vom 12.-17. April stattfand. In seiner mit Spannung erwarteten Eröffnungsrede stellte Modi den Löwen dann auch als das „Symbol eines neuen Indiens“ vor. Vertreter von 14 indischen Lokalregierungen und 350 indischen Unternehmen begleiteten den Premier, davon 120 Geschäftsführer. Diese Delegation von fast historischer Größe zeige „das wieder erweckte Selbstvertrauen Indiens“, so Modi.

Das Ziel von „Make in India“ sei die Schaffung einer Infrastruktur und einer Industrie von Weltrang, die Indien in die Lage versetze, selbst zu einem Produzenten und Exporteur von Gütern aufzusteigen. Die neu entstehenden Arbeitsplätze seien vor allem für die Jugend Indiens vorgesehen, wobei Deutschland mit seinem hohen Stand an Produktivität und Innovationskraft ein gern gesehener Partner sei. Überhaupt würden die besonderen Beziehungen zwischen Indien und Deutschland Jahrhunderte zurückgehen. Modi zitierte den indischen Nationaldichter und Reformer Rabindranath Tagore, der gesagt haben soll, Deutschland habe mehr als jedes andere Land getan, Indien der westlichen Welt gegenüber zu öffnen. Seine eigene persönliche Mission sei es, so Modi, Indiens Potentiale zu verwirklichen. Er habe dabei keine spezielle Vorliebe für das Gastland Deutschland oder andere ausgewählte Länder; Indien wolle vielmehr „die ganze Welt umarmen“, sagte Modi.

Ein gigantisches Aufbauprogramm

Das gesamte Messegelände in Laatzen wurde ausgeschmückt mit dem „Make In India“-Löwen, wobei die unterschiedliche Ausgestaltung seiner Sihouette den 25 priorisierten Wirtschaftsfeldern entsprach. Der indische Pavillon stellte diese im Detail vor. Diskussionsveranstaltungen lockten Geschäftsleute und weitere interessierte Besucher an. Die Botschaft ist eindeutig: vertraut auf, investiert in und arbeitet mit Indien zusammen!

Der Staatssekretär für Industriepolitik im indischen Wirtschaftsministerium hielt aufrüttelnde Reden darüber, daß das Vorhaben der indischen Führung historisch ohne Beispiel sei. Der Bau moderner Wohnungen in zukunftsfähigen Städten für die 700 Millionen jungen Menschen Indiens entspricht der Schaffung von zweieinhalb Nordamerikas. 100 Städte werden derzeit entworfen, geplant und schließlich gebaut werden. Diese werden jedoch mit den amerikanischen Städten, die sich irgendwie in die Landschaft ausgebreitet hätten, kaum etwas gemeinsam haben.

Der Repräsentant des riesigen Indischen Industrieverbandes CII legte nach: Die „intelligenten Städte“, die Indien bauen wolle, bekämen die modernste, kompakteste und sauberste Infrastruktur weltweit. Premierminister Modi spricht von 50 Millionen neuen Wohnungen bis 2022, 175 Gigawatt an neuen, sauberen Energiequellen, von Personennahverkehrssystemen in 50 Städten, Hochgeschwindigkeitszügen, neuen Autobahnen, Schiffs- und Flughäfen, 140 Millionen neuen Bankkonten, neuen Renten- und Sozialversicherungssystemen. Die staatlichen Investitionen seien dafür massiv erhöht worden, steuerliche Hindernisse für ausländische Direktinvestitionen würden systematisch beseitigt.

Die Vertreter des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft (APA) und des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI) fanden noch eher als Kanzlerin Merkel passende Worte, wenn sie davon sprachen, daß „Make In India“ zur Stärkung der industriellen Basis Indiens beitragen werde bzw. daß die sozialen Veränderungen und die Schaffung von Wohlstand für Millionen in Indien in „atemberaubender Geschwindigkeit“ vonstatten gehe. Deutsche Firmen wollten ein natürlicher Teil dieser Entwicklung sein, ihr Wissen mit einbringen und ihren Anteil am Wachstum der indischen Wirtschaft in Form von langfristigen Partnerschaften beisteuern.

Die letzte Chance für Deutschland?

Narendra Modis Besuch hat eine Tür aufgestoßen, durch die Deutschland in eine neue Epoche eintreten kann - und muß. Denn das Euro-Drama nähert sich seinem üblen Ende, da die großen Bankhäuser bei einem Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone extrem gefährlich exponiert sind. Weitere Gefahren lauern, wie beispielsweise das Anheben der Leitzinsen durch die Europäische Zentralbank, oder der Infarkt der deutschen mittelständischen Wirtschaft und der Kommunen durch Mangel an Investitionen, durch Sparzwänge und den drohenden Kollaps des Verkehrs- und Stromnetzes.

„Beurteilen Sie Indien nicht nach althergebrachten Vorstellungen“, redete Modi in Hannover mehrfach den Teilnehmern ins Gewissen. Die für Deutschland leider mittlerweile typisch gewordene Skepsis und Zurückhaltung sollte schleunigst durch eine neue Offenheit und eine Kultur des Denkens in größeren Dimensionen abgelöst werden. Wenn Deutschland nicht auf Nimmerwiedersehen in den Schlund der oben erwähnten Krisen abtauchen will, muß es die Chance einer unvoreingenommenen, hilfsbereiten und kreativen Mitarbeit mit Indien und den weiteren BRICS-Staaten, ausdrücklich einschließlich Rußland, beim Schopfe packen.

Die in Deutschland aufgebauschte Debatte über „Industrie 4.0“, die aus der sowieso hochtechnisierten Wirtschaft noch ein Quentchen mehr an „Effizienz“ und „Einsparmöglichkeiten“ herausholen soll, lenkt eher von der eigentlichen industriellen Revolution ab, nämlich der Schaffung eines neuen globalen Wirtschaftsmodells, das das Recht aller Menschen auf Wasser, Energie, Bildung, produktive Arbeit und der Verwirklichung ihres geistig-moralischen Potentials zum Ziel hat. Indien hat sich unter der Führung Modis und des „Make In India“-Löwen dieser neuen, Hoffnung für die vom Westen vergessenen Armen in der Welt bringenden Dynamik angeschlossen. Wir sollten noch heute die ersten Schritte in diese neue Epoche gehen.

Stephan Ossenkopp