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Neue Solidarität
Nr. 36, 2. September 2015

Die Vision der verbrüderten Menschheit

Stephan Ossenkopp berichtet über ein Konzert des Young Euro Classic Friedensorchesters in Berlin.

Am 23. August fand ein Friedenskonzert mit russischen, ukrainischen, deutschen und armenischen jungen Musikern in Berlin statt. Es war ein wichtiges politisches Signal, von denen wir viel mehr brauchen.

So wünschenswert es wäre, solche Worte aus dem Munde unserer Regierungsmitglieder zu hören, so unwahrscheinlich ist es gleichzeitig. Dieses Zitat stammt vom Dirigenten Michael Sanderling, der im Rahmen des diesjährigen Young Euro Classic Festivals in Berlin mit jungen Musikern aus aller Welt klassische Werke aufführte. Seine Worte sollen sich wie eine scharfe Mahnung in das Gewissen der Brandstifter unserer Tage brennen. Sie sollen aber auch alle Menschen, die sich hinter ihrer rein beruflichen oder alltäglichen Tätigkeit verschanzen, ein Weckruf sein, sich öffentlich gegen die derzeitige Konfrontationspolitik zu stellen.

Derzeit wird von einigen einflußreichen Persönlichkeiten vor einem unmittelbaren Ausbruch kriegerischer Handlungen zwischen der NATO und der Russischen Föderation gewarnt, wobei eindeutig die NATO mit ihrer Erstschlagsdoktrin „Prompt Global Strike“ die provozierende Initiative darstellt. Erst jüngst hat auch der Willy-Brandt-Kreis der SPD einen dringenden Appell an „alle friedensbewegten Bürger und Politiker“ veröffentlicht, der die akute Gefahr eines verheerenden Krieges in Europa ins Bewußtsein ruft und zum sofortigen Handeln ermahnt. Es ist möglicherweise auch ein Resultat dieser Diskussion um die Gefahr eines dritten Weltkrieges innerhalb der SPD gewesen, die SPD-Außenminister Frank-Walter Steinmeier dazu veranlaßte, die Schirmherrschaft und Co-Finanzierung des im Berliner Konzerthaus stattgefundenen Friedenskonzerts zu übernehmen. Mit den Worten „Angesichts der schwierigen Lage im Osten Europas brauchen wir Initiativen wie diese, die vor allem der jungen Generation direkte Kontakte über Grenzen hinweg ermöglichen“, wird Steinmeier auf der Banderole des Programmheftes zitiert, das man am Konzertabend am 23. August ausgehändigt bekam. Das Friedensorchester, das Beethovens Neunte Symphonie als Schlußkonzert des Young Euro Classic Festivals aufführte, besteht aus ukrainischen, russischen, deutschen und armenischen Musikern und Gesangssolisten, die eigens für diese besondere Aktion zusammenkamen.

Die Organisatorin des Festivals, Frau Dr. Gabriele Minz, erläuterte bei einer Pressekonferenz, wie der Dirigent des Konzertes, Enoch zu Guttenberg, darauf bestand, daß Beethovens Neunte aufgeführt wird, und wie symbolträchtig Beethovens „unvergängliche Vision von der Einigkeit der Menschen“ für diesen Anlaß sei. Sie beschrieb auch, welche Schwierigkeiten die am Maidan-Platz im ukrainischen Kiew gelegene Tschaikowsky-Musikakademie gehabt hatte, überhaupt nach Berlin zu reisen, da die ukrainische Regierung alle Gelder für die Musikproben in Berlin gestrichen hatte, um sie in den Militärhaushalt fließen zu lassen. Und trotzdem haben die Festivalorganisatoren es geschafft, mithilfe einer kurzfristigen, öffentlichen Finanzierungsmethode in zwölf Tagen deutlich über 10.000 Euro zusammenzubekomen, so daß die Arbeit doch noch aufgenommen werden konnte. Dirigent zu Guttenberg bat dann noch seinen Chor der „KlangVerwaltung“, für das Konzert zur Verfügung zu stehen.

Das Konzert an sich war durch die Spielleidenschaft der jungen Musiker dann auch ein herrausragendes Ereignis. Die fast 1500 Zuschauer im ausverkauften Konzerthaus am schönen Berliner Gendarmenmarkt, mit seinen beiden Domen und der herrlichen Schiller-Statue, belohnten die Aufführung mit überschwenglichem Applaus.

Das Konzert war auch ein Beweis dafür, daß die Kraft der Komposition Beethovens heute so mächtig und bewegend ist wie eh und je. Es ist diese Kraft der klassisch-humanistischen Ideen, von der allein die so dringend notwendige Wiederbelebung einer moralischen Kultur ausgehen kann. Die Kriegsgefahr ist die eine Seite der Krise, die Massenkultur, die die Menschen zu Sklaven und dumpfen Untertanen degradiert, ist die andere.

Der musikalische Gesamtleiter des Young Euro Classic Festivals, Dr. Dieter Rexroth, ist sich dieses Problems sehr bewußt, und ist trotzdem optimistisch, wenn er sagt: „Dieses Zeichen, daß es weltweit diese Jugendorchesterkultur im klassischen Bereich gibt, kann uns Trost bedeuten, da in der Entwicklung, wie düster sie auch sei, die Hoffnung nie verstummt und sich immer wieder die Stimmen der Vernunft und der Aufklärung melden.“

Rexroth ergänzt: „Wenn Sie sich die Unterhaltungsprogramme heute anschauen, ist alles sehr normiert, gebunden an Zeitmaße, sehr kurze Formate. Eine Symphonie braucht aber Zeit und fordert Konzentration. Da steckt ein gewaltiger Anspruch drin, den man auch nicht einfach so abrufen kann. Der muß eingeübt werden. (…) Bei unserem Festival ist es die Jugend, die sich diese Musik aneignet. Das ist ein Signal, was von unserem Festival ausgeht, daß klassische Musik nicht etwas ist, was abgestanden und schal geworden ist, was man am liebsten ins Depot versetzt; nein, dafür interessieren sich junge Menschen. Es ist fantastisch, daß solche Musik in China genauso wie in Afrika die Menschen faszinieren kann. Als (der kanadische Dirigent, Anm. d. Verf.) Nagano bei den Inuit im Norden Kanadas war, da wurde alle mögliche Musik aufgeführt, auch einheimische. Was den Menschen am besten gefallen hat, war Mozarts Kleine Nachtmusik. Veranlaßt uns das nicht, mal zu fragen: ,Das ist doch nicht zufällig, da steckt doch ein Wert darin.’ Da ist offensichtlich etwas, was unmittelbar anspricht.“

Bleibt zu hoffen und sich dafür einzusetzen, daß dieser Wert menschlicher Kreativität zu neuem Leben erwacht und uns von der Umnebelung befreit, die uns so handlungsunfähig macht. Das Young Euro Classic Friedensorchester hat einen wichtigen Beitrag dazu geleistet.

Stephan Ossenkopp