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Neue Solidarität
Nr. 38, 17. September 2020

Warum ein Gipfeltreffen der „P5“1 jetzt dringend notwendig ist

Von Helga Zepp-LaRouche

Die Vorsitzende des Schiller-Instituts eröffnete die Internetkonferenz am 5. September mit der folgenden Rede; die Zwischenüberschriften wurden von der Redaktion hinzugefügt.

Ich begrüße Sie, wo auch immer auf der Welt Sie sich befinden mögen.

Lassen Sie mich in diesem sehr gefährlichen Moment der Geschichte über den Zweck dieser Konferenz sprechen. Wenn es der Menschheit gelingen soll, die gegenwärtige existentielle Bedrohung zu überwinden, dann müssen diese Konferenz und die Mobilisierung von Netzwerken auf der ganzen Welt, die mit uns in Kontakt stehen, eine entscheidende Intervention katalysieren, um die Welt von der Klippe des Abgrunds zurückzuholen – dem Abgrund eines Atomkriegs und damit der möglichen Vernichtung der menschlichen Gattung!

Der Zweck dieser Konferenz des Schiller-Instituts ist es, Konzepte und Lösungen für die gegenwärtige beispiellose globale Krise vorzuschlagen. Wir haben, wie nie zuvor, eine Kombination einer außer Kontrolle geratenen Pandemie, einer Hungersnot, der größten Wirtschaftskrise seit Ende des Zweiten Weltkrieges, dem drohenden finanziellen Zusammenbruch und, besonders gefährlich, der Gefahr eines neuen Weltkrieges, nicht zuletzt aber einer tiefen kulturellen Krise. Aufgrund der Ungeheuerlichkeit dieser miteinander verbundenen Krisen ist es nicht möglich, diese Probleme einzeln oder auch nur Teilaspekte zu lösen, sondern es ist ein völlig neues Paradigma erforderlich, eine Lösung auf einer höheren Ebene als der, auf der all diese Krisen ausgebrochen sind. Wir müssen auf eine neue Ebene des Denkens springen, was Nikolaus von Kues die Coincidentia Oppositorum, das Zusammenfallen der Gegensätze, genannt hat.

Warum stehen wir an der Schwelle des Krieges, und warum kann aus dieser Konfrontation sehr leicht ein neuer Weltkrieg werden? Die kurze Antwort lautet: Weil das Britische Empire eher die Vernichtung der Menschheit riskieren wird, als zuzulassen, daß das Empire durch ein System souveräner Republiken ersetzt wird. Seit Präsident Trump zu ihrer Überraschung die Wahl 2016 gewonnen hat, gab es einen rücksichtslosen Putschversuch, angestiftet vom MI6 und in Absprache mit dem Geheimdienstapparat der Obama-Regierung – das „Russiagate“, worüber uns Bill Binney berichten wird –, ein betrügerischer Amtsenthebungsversuch und eine andauernde Revolte dessen, was Trump selbst den militärisch-industriellen Komplex und das „Deep State Department“ genannt hat.

Trump hatte 2016 versprochen, sich für die Wiederherstellung der Beziehungen zu Rußland einzusetzen, dagegen war das Russiagate gerichtet. Aus der Sicht des Britischen Empire war seine Präsidentschaft ein Unfall, der niemals hätte geschehen dürfen.

Zwei grundlegende politische Richtungen

Denken Sie nur daran, was Sie gerade in dem Videoclip von Lyn gehört haben, was auch heute noch gilt: Die grundlegende strategische Frage ist heute, daß es im wesentlichen zwei politische Richtungen gibt, die grundsätzlich gegensätzlich sind: die eine ist die des Britischen Empire, und die andere ist die, die mit den Prinzipien der Unabhängigkeitserklärung und der Präambel der amerikanischen Verfassung verbunden ist.

Die gesamte Geschichte der letzten 250 Jahre in der sogenannten westlichen Welt und darüber hinaus muß aus der Perspektive dieses grundlegenden Konflikts betrachtet werden. Das Britische Empire hat sich nie mit dem Verlust ihrer wertvollsten Kolonie abgefunden; sie versuchten, sie im Krieg von 1812 zurückzugewinnen, und erneut im Bürgerkrieg, wo Großbritannien offen mit der Konföderation verbündet war. Nachdem sie erkannt hatten, daß sie Amerika militärisch nicht zurückgewinnen konnten, beschlossen sie, das amerikanische Establishment zu unterwandern und es dazu zu bringen, das Modell des Britischen Empire zu übernehmen, vom britischen Round Table und der Fabian Society über H. G. Wells’ „Offene Verschwörung“ bis hin zu den Lehren von William Yandell Elliott, dem Mentor eines ganzen Stalls von Anglophilen, von Kissinger über Samuel Huntington bis Zbigniew Brzezinski.

Mit den Regierungen der Bushs und Obama – Clinton war sich zumindest des Problems bewußt – war die britische Übernahme der amerikanischen Politik endlich gelungen. Das „Projekt für ein neues Amerikanisches Jahrhundert“ (PNAC) war die Antwort dieses Establishments auf den Zusammenbruch der Sowjetunion und sollte endlich Bertrand Russells Utopie für ein Weltreich verwirklichen, eine unipolare Welt, in der nach und nach alle sich widersetzenden Regierungen durch Farbrevolutionen, Regimewechsel, Interventionskriege oder regelrechte Ermordungen wie im Falle Gaddafis eliminiert werden sollten.

Dann kam also Trump, der die Beziehungen zu Rußland wiederherstellen, die endlosen Kriege beenden und die US-Truppen nach Hause bringen wollte und der zu Beginn seiner Amtszeit sogar von Freundschaft mit Präsident Xi Jinping sprach.

Es gibt noch einen weiteren Ausdruck der gleichen Versuche, eine unipolare Welt zu schaffen. In den letzten Jahren und Monaten hat sich die geopolitische Konfrontation gegen Rußland und China zunehmend beschleunigt, mit dem Ziel der Isolierung Rußlands, der Eindämmung Chinas, des Regimewechsels gegen die Präsidenten Putin und Xi Jinping, der vollständigen wirtschaftlichen Abkoppelung von Rußland und China – in völliger Mißachtung der strategischen Realitäten –, um die Welt wieder unter die Kontrolle der unipolaren „regelbasierten Ordnung“ zu zwingen, die unter der Kontrolle der angloamerikanischen Sonderbeziehung steht.

Die Nawalny-Affäre

Der neueste Aspekt hiervon ist die Operation um die angebliche Vergiftung Nawalnys mit dem chemischen Nervengift Nowitschok, das durch den Fall Skripal bekannt wurde, das angeblich von einem Speziallabor der Bundeswehr nachgewiesen wurde, in Konsultation mit dem britischen Labor in Porton Down, Salisbury, das eine sehr merkwürdige Rolle im Fall Skripal spielte.

Die Wissenschaftler hinter der Entwicklung von Nowitschok, Leonid Rink und Wladimir Uglew, sagten dazu, Nowitschok sei extrem tödlich; wenn es verwendet worden wäre, dann wäre Nawalny tot, und alle Menschen, die mit ihm in Kontakt waren, wären verseucht.

Es ist also vollkommen lächerlich: Wenn Putin Nawalny tatsächlich tot sehen wollte, warum ließ er dann sein Flugzeug in Omsk notlanden? Warum wurde die Zeit im dortigen Krankenhaus nicht dazu genutzt, ihn sterben zu lassen? Warum wurde nicht verhindert, daß er nach Deutschland ausgeflogen wurde?

Eine sehr fragwürdige Rolle spielte dabei auch die Stiftung „Cinema for Peace“, die ein Spezialteam von Ärzten und ein teures Charterflugzeug für mehrere Tage charterte. Wenn man sich das internationale Komitee anschaut, dann findet man dort Garri Kasparow, David de Rothschild, die Klitschko-Brüder, Joschka Fischer und andere.

Nun hat Merkel aus irgendeinem Grund die Reaktion auf die Ebene der EU und der NATO verlagert. Norbert Röttgen, ein berüchtigter Falke, forderte, wie ein wütender, knurrender Hund, der von der Kette gelassen wird: „Stoppen wir Nord Stream 2!“

Wenn man sich nun das Cui bono in diesem Fall anschaut, dann ist es eindeutig nicht Putin. Es sind offensichtlich jene, die eine wirtschaftliche Abkopplung von Rußland und China wollen! Und wenn Rußland abgekoppelt wird, trifft man gleichzeitig Deutschland.

Militärische Spannungen

In den letzten Wochen gab es eine wachsende Zahl militärischer Zwischenfälle im Luftraum, die sich beinahe zu Zwischenfällen entwickelt haben, was ein Ausdruck der wachsenden internationalen Spannungen ist. Ein paar Beispiele von vielen: US-Kampfflugzeuge drangen in den Luftraum Nordchinas ein, als dort Übungen der Volksbefreiungsarmee mit scharfer Munition stattfanden. China reagierte und schoß von zwei verschiedenen Standorten aus zwei Raketen ins Südchinesische Meer ab. Im Zusammenhang mit der NATO-Übung, die gleichzeitig in allen NATO-Mitgliedsländern stattfand, flogen B52-Bomber über der Ostsee, wo sie von zwei russischen Su-27-Kampfflugzeugen abgefangen wurden. Auch ein RC-135-Aufklärungsflugzeug über dem Schwarzen Meer wurde abgefangen. Ein russisches MiG-31-Kampfflugzeug der Nordflotte wurde zum Abfangen eines P-3C Orion-Seepatrouillenflugzeugs der norwegischen Luftwaffe über der Barentssee losgeschickt. Rußland meldete ein Dutzend solcher Ereignisse in einem Monat.

Einige dieser Abfangmanöver erfolgten in extrem kurzer Entfernung. Wenn menschliches Versagen Auslöser für eine größere Eskalation sein kann, wenn der Weltfrieden von den fliegerischen Fähigkeiten eines Piloten abhängt, dann ist die Welt in Schwierigkeiten.

All dies findet in einem Umfeld statt, wo das Feindbild Rußland und China von Tag zu Tag in immer düstereren Farben gezeichnet wird, und wo die Realität der Farbrevolution und des von Obama, Biden und Victoria Nuland angezettelten Nazi-Putsches gegen die Ukraine auf den Kopf gestellt wird und zu einem Narrativ wird von: „Rußland ändert die Grenzen auf der Krim mit Gewalt“; „Putin vergiftet seine Gegner“; „China ist verantwortlich für die Ausbreitung der Coronavirus-Pandemie und für die wirtschaftlichen Schäden durch den Lockdown“; „die Chinesen stecken hinter den Unruhen in US-Städten“.

Chinas Seidenstraßen-Initiative

Woher kommt das alles? Im September 2013 kündigte Präsident Xi Jinping in Kasachstan die Politik der Neuen Seidenstraße an, die sich schnell zum größten Infrastrukturprogramm der Geschichte entwickeln sollte. Das Schiller-Institut veröffentlichte kurz danach den 360seitigen Bericht Die Neue Seidenstraße wird zur Weltlandbrücke, eine Aktualisierung unseres seit 40 Jahren bestehenden Wirtschaftsprogramms – wie man Armut und Unterentwicklung in Entwicklungsländern überwinden kann.

Wir waren begeistert von der großen Affinität zwischen der Politik von Xi Jinping und dem Lebenswerk meines verstorbenen Mannes Lyndon LaRouche und unserer Bewegung; er hatte schon 1975 vorgeschlagen, den IWF durch eine Internationale Entwicklungsbank zu ersetzen, die Idee, eine wirkliche Entwicklungspolitik für die Entwicklungsländer zu verfolgen.

LaRouche gründete bereits 1973 eine Arbeitsgruppe gegen den biologischen Holocaust, um zu untersuchen, wie die Politik der IWF-Konditionalitäten, wodurch der Lebensstandard ganzer Kontinente über Generationen hinweg gesenkt wird, die Gefahr des Wiederauftretens alter und neuer Krankheiten und Pandemien heraufbeschwört. 1975 entwickelte er den Oasenplan. 1976 erarbeiteten wir einen ersten Entwicklungsplan für Afrika, 1982 einen Entwicklungsplan für Lateinamerika, mit Lopez Portillo, einen 40-Jahres-Entwicklungsplan für Indien. 1983 die Strategische Verteidigungsinitiative, das war ein Konzept zur Überwindung der militärischen Blöcke der NATO und des Warschauer Pakts, und deren Nutzung als Wissenschaftsmotor für einen gigantischen Technologietransfer in den Entwicklungssektor. 1988 das „Produktive Dreieck Paris-Berlin-Wien“, 1988 und 1991 die „Eurasische Landbrücke“. Das waren die vielen Versionen von Lyns Aufbauprogrammen, darunter auch seine Wahlprogramme für seine US-Präsidentschaftswahlkämpfe für den Wiederaufbau der USA.

Reichtum durch Kreativität

Lyns Konzept der physischen Ökonomie betrachtet die Kreativität des Individuums als einzige Quelle für Reichtum: die Entdeckung neuer universeller physikalischer Prinzipien, angewandt als wissenschaftlicher und technologischer Fortschritt im Produktionsprozeß, was zur Steigerung der Produktivität der Arbeitskraft und der Produktionskapazitäten führt, und das erfordert ein ständiges Bevölkerungswachstum, größere Arbeitsteilung, Erhöhung der relativen potentiellen Bevölkerungsdichte, in Korrelation mit immer höheren Energieflußdichten. Ein solches Konzept der Wirtschaft betrifft offensichtlich auch das Menschenbild, denn es betrachtet die Menschheit als die einzige bisher bekannte schöpferische Spezies im Universum. Die menschliche Kreativität ist die mächtigste geologische Kraft im sich anti-entropisch entwickelnden Universum – die Kraft, die diese Entwicklung auf anti-entropische Weise beschleunigt.

Mit Xi Jinpings Neuer Seidenstraße steht nun die Wirtschaftskraft der zweitgrößten Ökonomie in Affinität zu der Idee, die Unterentwicklung des sich entwickelnden Sektors zu überwinden. Und sie griff den Kampf für Roosevelts Absicht wieder auf, was das alte Bretton-Woods-System werden sollte, wenn er nicht zur falschen Zeit gestorben wäre: die Idee, daß Frieden in der Welt insgesamt nur möglich ist, wenn der Lebensstandard aller Menschen erhöht wird.

Das war die Streitfrage zwischen Roosevelt und Churchill: das Amerikanische System der ganzen Welt zur Verfügung zu stellen, im Gegensatz zum britischen Kolonialsystem zur Verteidigung der Privilegien der Oberschicht auf Kosten der Mehrheit der Bevölkerung – sowohl der britischen Untertanen als auch der unterworfenen Kolonien.

Es war erstaunlich: Schon bald entfaltete sich das größte Infrastrukturprogramm aller Zeiten. Mit einem enormen Entwicklungstempo gab es bald sechs große Wirtschaftskorridore, Eisenbahnverbindungen, Dämme, Brücken, Industrieparks. Anfang 2017 gab es bereits mehr als 130 bilaterale und regionale Transportabkommen, 365 internationale Straßenrouten, 4200 Direktflüge, die China mit 43 Belt and Road-Ländern verbinden, 39 Güterzugrouten zwischen China und Europa. Im April 2017 besuchte Xi Trump in Mar-a-Lago, und im Mai 2017 fand das Belt and Road Forum statt, und ich hatte das Glück, daran teilzunehmen. Und ich konnte erleben, was geschah, wie sich die Welt geändert hatte und vom Geist der neuen Seidenstraße erfaßt wurde.

Dieser Geist bedeutete erstmals eine konkrete Perspektive für die Entwicklungsländer, die Unterentwicklung zu überwinden. Es bestand die Möglichkeit, die Geopolitik zu überwinden, indem eine für alle Seiten gewinnbringende Zusammenarbeit zwischen souveränen Nationalstaaten auf den Tisch kam. China will ausdrücklich nicht die USA als Hegemon ablösen, sondern Respekt für das unterschiedliche Gesellschaftssystem der anderen, Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten, eine Vision der einen Menschheit, Xis Konzept einer Gemeinschaft für eine gemeinsame Zukunft der Menschheit.

Seither gab es wiederholte Angebote Chinas, die BRI sei offen für alle, und eine Win-Win-Kooperation. Sie boten den USA wiederholt ein neues Konzept für die Beziehungen zwischen den Großmächten an. Aber es gab niemals eine wirkliche Antwort. Im November 2017 reiste Trump nach Beijing zu einen „Staatsbesuch-plus“, wie es die Chinesen nannten, und erhielt Einblick in die 5000jährige Geschichte Chinas. Und von da an sprach Trump oft von „meinem Freund, Präsident Xi Jingping“.

Das Empire schlägt zurück

Während all das geschah, gab es vier Jahre lang so gut wie keine Berichterstattung darüber in den Mainstream-Medien! Aber hinter dieser Mauer des Schweigens bereitete der militärisch-industrielle Komplex eine umfassende geopolitische Gegenreaktion vor. Es kam zu einem heftigen Gegenangriff der Kräfte des Britischen Empire, um nicht zuzulassen, daß die „Weltordnung nach dem Zweiten Weltkrieg“ – d.h. die koloniale, malthusianische Kontrolle über den sich entwickelnden Sektor mit ihren Prinzipien und „Regeln“ – von Rußland und China untergraben würde, indem sie diesen Ländern Zugang zu industrieller und wissenschaftlicher Entwicklung wie Atomenergie, der Infrastruktur der Neuen Seidenstraße oder sogar einen Sprung zu den fortschrittlichsten Technologien durch den Beitritt zur Weltraum-Seidenstraße anbieten.

Im Dezember 2017 wurde die Nationale Sicherheitsstrategie der USA (U.S. National Security Strategy, NSS) veröffentlicht, unter der Leitung von McMaster, der damals als Nationaler Sicherheitsberater fungierte. Darin wurden erstmals Rußland und China ganz klar als geopolitische Rivalen definiert, es heißt dort: „China und Rußland fordern die amerikanische Macht, den Einfluß und die Interessen Amerikas heraus und versuchen, die amerikanische Sicherheit und Eigenständigkeit zu untergraben. Sie sind entschlossen, die Wirtschaft weniger frei und weniger fair zu gestalten, ihre Streitkräfte auszubauen und Informationen und Daten zu kontrollieren, um ihre Gesellschaften zu unterdrücken und ihren Einfluß auszuweiten.“

Die Doktrin der Nationalen Sicherheitsstrategie der USA fordert, die Politik der vergangenen zwei Jahrzehnte zu überdenken. Dies bezieht sich auf die Aufnahme Chinas in die WTO und Fukuyamas „Ende der Geschichte“, d.h. die Idee, wenn man China und Rußland in die westlichen Institutionen integriere, würden diese das liberale Wirtschaftsmodell und die westliche Demokratie übernehmen.

Stattdessen entwickelte China ein Modell, das viel mehr dem ursprünglichen Amerikanischen System ähnelt, nämlich eine stark dirigistische Politik, mit chinesischen Merkmalen. Aber gleichzeitig wurde die Tradition der 5000jährigen Geschichte wiederbelebt.

In der NSS-Doktrin schließen sie, habe man angenommen, „ihre Einbeziehung würde sie zu wohlwollenden Akteuren und vertrauenswürdigen Partnern machen. Diese Prämisse erwies sich größtenteils als falsch.“

Das Angebot der Gürtel- und Straßen-Initiative an Entwicklungsländer und sogar an jene EU-Mitglieder, deren wirtschaftliche Entwicklung von der EU-Kommission unterdrückt wurde, wie z.B. ost- und südeuropäische Länder, sich an den BRI-Projekten zu beteiligen, wurde als „Spaltungsversuch zwischen uns, unseren Verbündeten und unseren Partnern“ betrachtet. All dies würde die Vorteile der USA untergraben, weshalb die Aufgabe der USA darin bestünde, „sicherzustellen, daß die militärische Überlegenheit der USA fortdauert“.

Rußland und China wurden als eine viel ernstere Bedrohung für die USA angesehen als der globale Terrorismus. Sie „entwickeln fortschrittliche Waffen und Fähigkeiten, die unsere kritische Infrastruktur und unsere Kommando- und Kontrollinfrastruktur bedrohen könnten“. China und Rußland werden als „revisionistische Mächte“ bezeichnet. China versuche, die USA im indisch-pazifischen Raum zu verdrängen, die Reichweite seines staatlich gelenkten Wirtschaftsmodells auszuweiten und die Region zu seinen Gunsten neu zu ordnen. Und Rußland – was für ein Verbrechen! – „versucht, seinen Großmachtstatus wiederherzustellen“, nachdem Jelzin erfolgreich mit der westlichen Oligarchie konspiriert hatte, um die Sowjetunion in ein rohstoffexportierendes Drittweltland zu verwandeln, und Obama Rußland beschimpft hatte, nur eine „Regionalmacht“ zu sein; und es „versucht, Einflußsphären in der Nähe seiner Grenzen zu errichten“, Kurz: „Sie stellen unsere geopolitischen Vorteile in Frage und versuchen, die internationale Ordnung zu ihren Gunsten zu verändern.“ Daher, so die Schlußfolgerung des Dokuments, müssen die USA und ihre Verbündeten die militärische Überlegenheit behalten, den Gegner davon überzeugen, „daß wir sie besiegen können und werden - nicht nur bestrafen, wenn sie die USA angreifen“.

Nur einen Monat später, am 19. Januar 2018, verkündet das Pentagon die Nationale Verteidigungsstrategie (National Defense Strategy (NDS), ein Dokument, das immer noch als geheim eingestuft ist. Verteidigungsminister James Mattis behauptet: „Es wird immer deutlicher, daß China und Rußland eine Welt gestalten wollen, die ihrem autoritären Modell entspricht – sie wollen Vetorecht über die wirtschaftlichen, diplomatischen und sicherheitspolitischen Entscheidungen anderer Nationen erlangen.“ Das Dokument betont den Aufbau militärischer Bereitschaft zu „tödlicheren gemeinsamen Streitkräften“; Kriegsbereitschaft, Abschreckung von Aggressionen in drei Schlüsselregionen – dem Indopazifik, Europa und dem Nahen Osten – sollen Priorität haben, die Kernstreitkräfte sollen modernisiert werden, einschließlich der Nuklearstreitkräfte, der Fähigkeit zur Kriegsführung im Weltraum und im Cyber-Raum, Kommando-, Kontroll- und Aufklärungssysteme, Raketenabwehr usw.

Am 3. Februar 2018 folgte die Überprüfung der Nuklearen Aufstellung (Nuclear Posture Review, NPR), setzte die von der Obama-Administration begonnene Modernisierung aller drei Teile der nuklearen „Triade“ fort und machte „Ergänzungen“, darunter die Stationierung von Sprengköpfen geringerer Sprengkraft, von denen sie behauptet, daß sie die nukleare Schwelle nicht senken werden – die Ausrüstung einiger Trident-U-Boote mit solchen Sprengköpfen mit geringer Sprengkraft und auch nuklear bewaffnete, seegestützte Cruise Missiles.

Mit der Veröffentlichung dieser Doktrinen kam es auch zu einer Verschiebung in allen großen transatlantischen Denkfabriken, die die BRI vier Jahre lang fast ganz ignoriert hatten. Nun vertraten sie alle plötzlich die Linie von China als dem kommenden strategischen Rivalen. Im Februar 2018 brachte die deutsche Denkfabrik MERICS das Papier Authoritarian Advance heraus, worin in Übereinstimmung mit den amerikanischen Denkfabriken die Linie vertreten wird, China sei autoritär, die Seidenstraße nur eine Schuldenfalle, China spioniere nur die eigene Bevölkerung aus. Dies wurde eskaliert bis zu dem gegenwärtig verstärkten McCarthyismus gegen chinesische Studenten, Professoren, Medien und Diplomaten in den USA.

Einen Monat später, am 1. März 2018, kündigte Präsident Putin neue Nuklearwaffensysteme an: die Hyperschallrakete Avangard, den Hyperschall-Marschflugkörper Kinschal, eine Interkontinentalrakete mit 20facher Schallgeschwindigkeit und ausgezeichneter Manövrierfähigkeit, die alle bestehenden Luftverteidigungs- und Raketenabwehrsysteme ausmanövrieren und obsolet macht, dazu nuklearbetriebene Marschflugkörper, schnelle Unterwasser-Drohnen und Laserwaffen.

In zweieinhalb Jahren wurde das US-Verteidigungsministerium aufgrund der genannten Doktrinen vollkommen umorganisiert. Es wurde ein weiteres U-Boot der Ohio-Klasse mit einer oder mehreren Raketen in Dienst gestellt, die jetzt mit schwachen Nuklearsprengköpfen bestückt sind, nuklearfähige B52-Bomber fliegen in Reichweite der russischen und chinesischen Luftverteidigung, das US-Weltraum-Kommando (Space Command) wurde eingerichtet und die US-Weltraum-Streitkräfte geschaffen. Die Weltraumdoktrin macht deutlich, daß das Ziel die amerikanische Dominanz im Weltraum ist, um China daran zu hindern, neue Regeln im Weltraum zu definieren. Der neue Kommandeur des US Space Command, Armeegeneral James Dickinson, sagte kürzlich in einer Rede: „Wir versuchen, Konflikte zu vermeiden, aber um es klar zu sagen: Wenn die Abschreckung versagt, ist die Anweisung klar: Wir werden gewinnen. Ich werde mich darauf konzentrieren, eine Kultur der Weltraumkriegsführung zu entwickeln, zu fördern und zu übernehmen.“

All diese Änderungen in der Militärdoktrin sind eng mit Großbritannien abgestimmt. Einige Wochen nach der Veröffentlichung der NPR war der britische Verteidigungsminister Mark Lancaster in Washington und betonte, die Politik der NSS, NDS und NPR sei auch die Politik der britischen Regierung – zwei eng aufeinander abgestimmte Programme mit starker Betonung der Modernisierung der Streitkräfte.

Neben Vizepräsident Pence, der 2018 die ersten großen chinafeindlichen Reden gemäß den Militärdoktrinen hielt, führten auch Bolton – von dem Trump zurecht sagte, wenn er ihn nicht entlassen hätte, wären wir schon im Sechsten Weltkrieg –, Christopher Wray, O'Brien, Navarro, Barr und insbesondere Pompeo die Kampagne gegen China an. Pompeo, der sich im Juli dieses Jahres in London mit den Kreisen traf, die das Russiagate-Märchen und den Putsch gegen Trump in Gang gesetzt hatten, verschickte eine Twitter-Mitteilung: „Schön, wieder in London zu sein, um die Sonderbeziehung, die wir mit unserem engsten Verbündeten teilen, zu bekräftigen.“

Mit diesem Tweet begab sich Pompeo öffentlich in die Gesellschaft von Kissinger, der bekanntlich am 10. Mai 1982 im Chatham House erklärt hatte: „Als Nationaler Sicherheitsberater hielt ich das Britische Außenamt besser auf dem Laufenden und enger eingebunden als das amerikanische Außenministerium.“

Schlafwandeln wir in einen Weltkrieg?

Wenn wir uns also diese ganze militärische Pose und diese Aufrüstung anschauen – darunter der jüngste Bericht des Pentagon über die militärische Macht Chinas, in dem Chinas militärische Macht völlig unverhältnismäßig dargestellt wird, im Vergleich zu der Konzentration der USA durch die „Wende nach Asien“, die seit der Regierung Obama in Kraft ist, mit einem Ring von über 400 Militärstützpunkten, den die USA um China herum aufgebaut haben, und den jüngsten Bemühungen der NATO, ihre globale Politik auf den Indo-Pazifik-Raum auszudehnen – schlafwandeln wir dann in den Dritten Weltkrieg? Ja und nein.

Nein, weil zwar einige der Militärstrategen offensichtlich die Illusion haben, daß es so etwas wie einen gewinnbaren regionalen Atomkrieg gibt, wovor Rußland immer wieder gewarnt hat; es hat seine eigene Militärdoktrin so konzipiert, daß diese Option für jeden denkenden Gegner ausfällt. Dies wurde am 2. Juni dieses Jahres bekräftigt, als Rußland erneut die Bedingungen veröffentlichte, unter denen es zu einer Strategie des nuklearen Erstschlags gezwungen wäre.

Ja, denn wie Lyndon LaRouche in dem Buch schrieb, in dem er die Methoden der britischen Manipulation der Bevölkerung in der ganzen Welt diskutierte, The Toynbee Factor in British Grand Strategy, („Der Toynbee-Faktor in der britischen Gesamtstrategie“, 1982): „In einer richtig geordneten Republik [und wir haben im Moment keine richtig geordnete Republik] ist die größte einzelne Gefahrenquelle für diese Republik, wie die Kräfte um Benjamin Franklin und George Washington diesen Punkt richtig verstanden haben, genau jene Art der Entfremdung des Bürgers vom rationalen Verständnis nationaler politischer Fragen, die heute in den Vereinigten Staaten vorherrscht. Dies wirkt sich, wie wir in Kürze zeigen werden, direkt auf das Toynbee-Syndrom aus.“

Das ist in der Tat das größte Problem: daß wir am Rande des Dritten Weltkrieges stehen; etwas, das jeden Moment ausgelöst werden könnte, und für den die Militärdoktrinen vollständig auf der Illusion beruhen, man könne einen möglichen regionalen Atomkrieg gewinnen und man könne diesen Krieg beenden, wenn Atomwaffen eingesetzt werden. Und ich denke, jeder, der sich mit den Schriften von Leuten wie Ted Postol beschäftigt hat, wird klar erkennen, daß das gesamte Arsenal zum Einsatz kommen wird, sobald man die ersten Atomwaffen einsetzt.

Diese Entfremdung des Durchschnittsbürgers, der sich dessen nicht bewußt ist und sich keine Gedanken darüber macht, macht ihn so extrem empfänglich für die synchronisierten Propagandakampagnen des Russiagate und jetzt über China als systemischen Gegner und die internationale gleichzeitige Dämonisierung von Trump, Putin und Xi gleichermaßen.

Wir müssen die Menschen wachrütteln für die drohende Gefahr der Vernichtung. Und wir müssen uns weltweit mobilisieren, damit das Gipfeltreffen der Präsidenten der fünf Ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates unbedingt noch in diesem Monat stattfinden kann. Diese Präsidenten und Premierminister müssen an den Punkt zurückkehren, wo Franklin D. Roosevelt – auf den sie sich in der Vergangenheit alle positiv bezogen haben – seine Absicht mit dem ursprünglichen Bretton Woods nicht verwirklichen konnte. Sie müssen ihre Absicht erklären, die Kasinowirtschaft zu beenden, eine globale Glass-Steagall-Bankentrennung einzuführen, ein neues Bretton-Woods-Kreditsystem einzurichten, um langfristige zinsgünstige Kredite zur Wiederankurbelung der Wirtschaft in den Industrieländern bereitzustellen, und Kredite für ein ernsthaftes Industrialisierungsprogramm für die Entwicklungsländer bereitzustellen, was natürlich mit dem Aufbau eines modernen Gesundheitssystems in jedem einzelnen Land der Erde beginnen muß, damit die jetzige und zukünftige Pandemien besiegt werden können.

Die vom Schiller-Institut entwickelten Studien wie Die Neue Seidenstraße wird zur Weltlandbrücke in Verbindung mit einem Crash-Programm zur Realisierung der Fusionsenergie und der internationalen Zusammenarbeit bei der Kolonisierung von Mond und Mars, wie sie Präsident Trump in seinem Artemis-Programm betont hat, können die neue wirtschaftliche Plattform schaffen, auf der alle Nationen von einer höheren Produktivität der Wirtschaft profitieren können. Der reale Reichtum, der durch solche Sprünge der Produktivität um mehrere Größenordnungen erzeugt wird, wird sehr schnell die angeblichen Verluste ausgleichen, die durch ein Ende der Verkäufe von immer mehr Rüstungsgütern verursacht werden. Aber im Gegensatz zu letzteren werden sie den realen Reichtum der Gesellschaft erhöhen, anstelle der primitiven Akkumulation der physischen Wirtschaft, die durch die militärische Aufrüstung bewirkt wird.

Sobald ein allgemeines Einvernehmen darüber besteht, die geopolitische Konfrontation durch eine wirtschaftliche Zusammenarbeit zum Wohle der Menschheit zu ersetzen, von der alle profitieren, ist die Grundlage für eine neue Sicherheitsarchitektur vorhanden. Präsident Trump hat wiederholt bekräftigt, daß er einen neuen Atomwaffenpakt mit Rußland als das größte zu lösende Problem der Welt betrachtet. Der Gipfel sollte daher die Absicht verkünden, den Neuen START- Vertrag zu verlängern, und das Prinzip der Unzulässigkeit eines Atomkrieges noch einmal bekräftigen. Die Welt befindet sich eindeutig an einem Scheideweg, und es liegt an diesen fünf Staats- und Regierungschefs, dafür zu sorgen, daß die Entscheidung nicht zu einer Sackgasse wird, die zum tatsächlichen Ende der Geschichte führt.

Die kulturelle Dimension

Wir müssen noch eine weitere Dimension hinzufügen. Wir müssen die degenerierte Massenkultur ablehnen, die alle Imperien schon immer dazu benutzt haben, die Bevölkerung zu verdummen und zu kontrollieren, indem sie ihre niedrigen Triebe wecken, so wie es die Römer taten, indem sie die Massen zusammenkommen ließen, um dem Morden im Zirkus zuzuschauen und sich an der Entscheidung, ob die Gladiatoren leben oder sterben sollten, mitschuldig zu machen. Und wir müssen unsere Schlußfolgerungen aus der Tatsache ziehen, daß Biden die Unmoral seiner eigenen Gegenkultur offenbarte, indem er versuchte, sich durch die Zusammenarbeit mit solchen „Stars“ wie Cardi B. attraktiver zu machen, deren Video WAP genau das Menschenbild offenbart, das die Oligarchie mehr als glücklich macht, weil eine so erniedrigte Bevölkerung ihre Macht niemals herausfordern wird.

Wenn die Menschheit der drohenden Katastrophe entkommen soll, müssen alle großen Kulturen der Welt ihre besten Traditionen, die erhabensten Ideen ihrer Philosophen und Dichter, die veredelndsten Kompositionen ihrer Komponisten, die schönsten Kunstwerke in Malerei, Skulptur und Architektur hervorholen. Wir sollten uns alle von den Schätzen inspirieren lassen, die die Menschheit bisher hervorgebracht hat, und anfangen, wie eine Einheit als Patrioten und Weltbürger zu denken. Nicht nur auf dem Planeten Erde, sondern als Angehörige der gleichen Gattung, die bald in einem Dorf auf dem Mond und einer Stadt auf dem Mars zusammenleben werden.

Die fünf Staats- und Regierungschefs des bald stattfindenden Gipfeltreffens müssen den Mut haben, eine großartige Vision der Zukunft der menschlichen Gattung zu entwerfen – von Millionen von Genies, die noch geboren werden, die sie durch die Schaffung eines neuen Paradigmas in den internationalen Beziehungen schützen müssen. Und sie müssen auf der Ebene der Coincidentia Oppositorum, des Zusammenfallens der Gegensätze, denken und handeln.


Anmerkung

1. P5 = die mit Vetorecht ausgestatteten fünf permanenten Mitgliedstaaten des UN-Sicherheitsrates (USA, Rußland, China, Großbritannien und Frankreich).