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Neue Solidarität
Nr. 5, 2. Februar 2011

Von Roudaires „Binnenmeer“ zur Blauen Revolution

Von Yves Paumier

In einem „Rückblick“ aus dem Jahr 2050 beschreibt der Autor, wie die Sahara durch die Versorgung mit Frischwasser begrünt und die Unterentwicklung in diesem Teil Afrikas erfolgreich überwunden werden kann.

1874 veröffentlichte die renommierte Zeitschrift Revue des Deux Mondes einen Artikel des französischen Offiziers und Topographen François-Elie Roudaire (1836-1885) mit dem Titel Ein algerisches Binnenmeer. Jules Verne (1828-1905) griff die Idee 1905 in seinem Roman Der Einbruch des Meeres auf und machte sie weithin bekannt.

Roudaire war sich sicher, daß er eine riesige von Salzsümpfen bedeckte Senke, die sogenannten Schotts, entdeckt hatte, die sich über fast 400 km von Algerien bis zum Golf von Gabès in Tunesien erstreckte. (Abb. 1).

Abb. 1: Der französische Ingenieur und Landvermesser François-Elie Roudaire schlug 1874 den Bau eines Kanals vom Mittelmeer zu den Schotts im Süden Tunesiens und Algeriens vor, um ein riesiges Binnenmeer zu schaffen.

Mit Unterstützung des Architekten Ferdinand de Lesseps - dem Planer des Suezkanals und des Panamakanals - schlug er vor, einen 240 km langen Kanal zu bauen, um die Senke wieder mit Meerwasser zu füllen. Roudaire argumentierte, neben anderen Vorteilen würde die Zuführung einer so großen Wassermenge vor Ort das Klima verändern und die ganze Region in einen „Brotkorb“ verwandeln. Damals ist der Plan aus verschiedenen Gründen - teils guten, teils schlechten - gescheitert. Heute ist jedoch die Zeit gekommen, wo dieses Projekt, wenn man von einer höheren konzeptuellen und wissenschaftlichen „Plattform“ ausgeht, mit Erfolg umgesetzt werden kann.

Prolog

Die Völker Nordafrikas sind heute, im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, in einer fast verzweifelten Lage. Ihre Volkswirtschaften liegen in Trümmern, und der typische Egoismus der modernen Kultur verschlimmert die Katastrophe noch. Auch wenn sich die betreffenden Volkswirtschaften zum Teil stark unterscheiden, so haben sie doch eines gemein: ihre Abhängigkeit von der Außenwelt unter dem neoliberalen Paradigma, das gegenwärtig in sich zusammenbricht. Die Folgen im Innern sind katastrophal: Korruption, sinkender Lebensstandard, Diskriminierung, eine verlorene Generation, etc.

Einen Ausweg aus diesem Gefängnis bietet nur der Weg, den der amerikanische Ökonom und Staatsmann Lyndon LaRouche vorgeschlagen hat:

Ein entscheidender Anstoß für eine solche Renaissance wäre der Bau der Nordamerikanischen Wasser- und Stromallianz (NAWAPA), dem Projekt, Regenwasser aus dem Nordwesten des amerikanischen Kontinents in die trockenen Regionen der USA und Mexikos zu leiten.

Das ist mehr als ein kolossales Bauprojekt für eine Verbesserung des Landes und der Ressourcen, im Grunde ist es eine kulturelle Revolution. In diesem Geiste wollen wir Roudaires brilliante Idee mit den notwendigen Verbesserungen aufgreifen. Seine Idee mag 140 Jahre alt sein, aber das Prinzip dahinter ist zeitlos und existiert seit Jahrtausenden, seit die Menschheit durch die Entwicklung der Landwirtschaft zum ersten Mal ihre Umwelt umgestalten mußte. Indem er auf diese Weise seine Schöpferkraft mobilisiert, behauptet der Mensch seine Freiheit.

Um der Geschichte Leben einzuhauchen, schauen wir nun einige Jahrzehnte in die Zukunft.

Roudaireville-les-Palmiers, 2050

Unsere wunderschöne Stadt Roudaireville-les-Palmiers wird bald eine halbe Million Einwohner haben. In den letzten 40 Jahren haben sich junge Menschen aus dem Maghreb hier angesiedelt, statt in die Vorstädte von Paris, Berlin, Amsterdam oder London zu ziehen. Schließlich gibt es hier gutbezahlte Arbeitsplätze, und die Kinder haben Zugang zur besten Krankenversorgung. In diesen vier Jahrzehnten wurden Tausende von Arbeitsplätzen in der Agrarchemie und der Weltraumforschung geschaffen.

All das ist der „Großen Blauen Revolution“ zu verdanken, die für einen Überfluß an Wasser sorgte. Was für eine Veränderung! Noch zu Beginn des Jahrhunderts lag hier, soweit das Auge reichte, die endlose Fläche der größten Wüste der Erde, der Sahara!

Zwar findet man noch hier und da Wüstenflecken, doch an die Stelle der Fata Morganas sind Seen getreten, und seit 2011 wurden im Rahmen des Paumier-Roudaire-Plans Tausende von Oasen geschaffen. Inzwischen gibt es in jeder dieser Oasen eine oder mehrere Städte, die alle durch ein Netz von Schnellbahnen miteinander verbunden sind, das sich bis in ferne Länder erstreckt. Billiges Gemüse und die schönsten Obstgärten der Welt - das ist das heutige Roudaireville-les-Palmiers!

Unsere Kinder sind neugierig: „Papa, erzähl uns etwas über die vier Phasen der Blauen Revolution!“

Phase I: Tunesien, von Gabès nach Dscheridville

Beginnen wir am Anfang. Eines Morgens im Jahr 2011 traf ein ganz ungewöhnlich aussehendes Schiff aus dem Norden ein. Es ankerte vor der Küste vor Gabès, dem tunesischen Fischereihafen, von wo aus Phosphate exportiert werden. Das Erscheinen des Schiffes beunruhigte die Alten und die Touristen, die auf der Insel Dscherba ihr Sonnenbad nahmen, aber die Jungen liefen heran, um das seltsame Ding näher zu betrachten.

Die Ankunft des Schiffes war für die Bevölkerung an der Küste nicht zuletzt deshalb so ungewöhnlich, weil es vorher sehr umfangreiche Vorbereitungen gegeben hatte. In den Monaten zuvor hatte man auf den Hügeln, die auf die Küste herabschauen, ein großes Vorratsbecken angelegt, von dem aus ein breites Rohr in die Bucht und zu dem Ankerplatz herabführte.

Einen Monat nach dem Eintreffen des Schiffs konnte man an dem Vorratsbecken das Geräusch von fließendem Wasser hören, und das Reservoir füllte sich schnell. Die Menschen waren doppelt überrascht - erstens, daß jemand ein Wasserreservoir oben auf den Hügeln anlegt, denn Flüsse fließen ja nicht bergauf. Und zweitens, weil es sich nun mit Wasser füllte. Wo kam das Wasser her? Da erkannten die Erfahreneren, daß das, was da vor der Küste ankerte, gar kein Schiff war, sondern ein kleiner Atomreaktor, mit dem man das Wasser auf den Hügel hinaufpumpen konnte!

Tatsächlich diente das Becken auf dem Hügel nur als eine Art Wasserturm für die nächste Phase. Wenn das Wasser wieder ins Meer zurückströmt, kann man damit auch Strom erzeugen, und nur einen Monat später liefen die Turbinen des Wasserkraftwerks, das zusammen mit dem Reaktor Strom für die Stadt, vor allem aber für die neue Meerwasser-Entsalzungsanlage erzeugte. Dieses neu erzeugte Trinkwasser wurde zunächst ins Wasserwerk der Stadt geleitet. Seither tanzen die Strahlen der Sonne fröhlich im Wasser der öffentlichen Springbrunnen.

Schauen wir nun weiter landeinwärts, in die Regionen, die öde Wüste waren, und die Trockenzonen, wo nur Schafe weiden konnten. Hier begann das eigentliche Werk! Als erstes wurde eine Leitung um den Schott el-Fejal herum geführt und mit in Gabès erzeugtem Frischwasser gefüllt (Abb. 2).

Abb. 2: Zur Entsalzung der Böden in den Schotts müssen diese „gespült“ werden durch Süßwasser, welches das Salz aufnimmt und ins Mittelmeer ableitet. Die weitgehend entsalzten Böden werden dann nach dem Vorbild der holländischen Polder nach und nach landwirtschaftlich nutzbar gemacht.

Aber was ist ein Schott? Im Süden Algeriens und Tunesiens, am Fuß der Aures-Berge nahe der Sahara lag eine riesige, etwa 400 km lange Senke, wo sich in der Regenzeit Sümpfe und manchmal sogar kleine Seen bildeten. Diese Senke war zum Teil von auskristallisiertem Salz bedeckt und teilte sich in mehrere kleinere Senken, welche die Araber nach dem arabischen Wort Schatt (für „Küste“), als „Schotts“ bezeichnen. (Mancher wird durch Karl Mays Roman Durch die Wüste eine Vorstellung von dieser Region haben.) 

Nun begann die eigentliche Arbeit, eine Herkules-Aufgabe, nämlich, das Salz wegzuschaffen, das sich seit Tausenden von Jahren auf dem Boden dieser Senken abgelagert hatte. Das Frischwasser strömte aus dem Aquädukt in den ersten Schott und spülte das Salz heraus; das nun salzige Wasser wurde durch eigens angelegte unterirdische Leitungen von der Größe eines Mannes ins Meer abgeführt. Regenfälle haben diesen Prozeß der Ableitung des Salzes ins Mittelmeer noch beschleunigt.

Die Freude der Bewohner von Gabès über ihre Springbrunnen war klein, verglichen mit der Begeisterung der Landbevölkerung, denn die Aussicht, statt des Brackwassers auf dem Grund der Schotts jeden Tag frisches Wasser im Überfluß zu haben, war wirklich revolutionär. Anfangs war alles ja noch recht seltsam und verwirrend, aber die Zweifel schwanden schnell. Die Blaue Revolution schritt sichtlich voran.

Allerdings brauchte das Wasser beträchtliche Zeit, um sein Werk zu vollenden. Es war eine Arbeit, die man mit Bulldozern nicht bewältigen konnte, weil das Salz so tief in den Boden eingedrungen war, daß man es nicht schnell herausholen konnte. Aber das frische Wasser trug nach Plan das Salz aus dem Boden, Monat für Monat. Am Ende war das meiste Salz beseitigt, wenn auch noch nicht alles. Doch auch dafür gab es Lösungen. Die Agronomen pflanzten Halphyten, das sind Pflanzen, die gerne auf Salzböden wachsen und ihnen das Salz entziehen.

Erst in jüngster Zeit gelang es den Biotechnikern, halophytische Reissorten zu züchten. Auch das war eine stille, aber echte Revolution. Inzwischen gibt es auch halophytische Sorten aller wichtigen Getreidearten, die einen großen Beitrag zur Welternährung leisten.

Nach einigen Jahren des Durchspülens entstand anstelle des früheren Schotts ein echter Süßwassersee - eine viel bessere Lösung als Roudaires ursprüngliche Idee eines Binnenmeeres aus Mittelmeerwasser, das den Salzgehalt der Böden nur noch vergrößert hätte.

In ähnlicher Weise wie bei den berühmten holländischen Poldern, wo dem Meer nützliches Agrarland abgerungen wird, nutzte man ein Netz von Hunderten kleinen Kanälen, um aus der Wüste nützliches Land zu gewinnen und die Verdunstung zu verringern. Auf dem neuen Ackerland wurden zunächst besondere halophytische Pflanzen und Sträucher angepflanzt, die man eigens für diesen Zweck gezüchtet hatte. Erst vor kurzem wurden sie von Palmen abgelöst.

Früher war die Viehhaltung wegens des Mangels an Futter und Weiden stark zurückgegangen. Nur arme Leute hatten immer noch Schafe gehütet und ihre Herden in der Region herumgeführt. Aber jetzt waren die Böden nicht mehr so trocken, und die Seen sorgten dafür, daß sich das brachliegende Land in der weiteren Umgebung schnell erholte.

So gewannen die Bauern Zuversicht und gingen nach und nach zu anderen Formen der Viehhaltung auch mit größeren Tieren über. Die Region exportierte sogar Kamelmilch und -käse! Kamelmilch wird vor allem von jungen Müttern geschätzt, weil sie für ihre Babys viel verdaulicher ist als Kuhmilch. Kurz, es entwickelte sich eine neue Form der Landwirtschaft. Und im Unterschied zum 20. Jahrhundert stand dabei der Bauer im Mittelpunkt.

Nach dem Schott el-Fejal wurden das Schott el-Dscherid und das Schott el-Gharsa zurückgewonnen. Das zur Verfügung stehende Trinkwasser zog viele Menschen an, und dort, wo sich einst nur die Stechmücken vermehrten, gründeten wir Dscheridville, die Stadt, die aus der Fata Morgana kam. Mit der menschlichen Zivilisation kamen die Vögel, insbesondere Zugvögel, die das Klima angenehm fanden, nachdem sie jahrhundertelang einen Bogen um die Region gemacht hatten.

Dann begann eine weitere, unverzichtbare Phase der Blauen Revolution. Entlang des Wasserleitungsnetzes wurden Bohrtürme aufgebaut - nicht um Öl zu fördern, sondern um das in Gabès erzeugte Süßwasser in den Untergrund zu pumpen. Auf diese Weise wurden die wasserführenden Schichten unter der früheren Wüste wiederbelebt. Dieses Grundwasser erlaubt eine blühende Landwirtschaft und liefert täglich Trinkwasser.

Natürlich war dieses Grundwasser schon früher da, es war die Quelle des Wassers in den Oasen inmitten der Sahara. Es lieferte je nach Jahreszeit auch einen Teil des Wassers in den Schotts. Aber seit Beginn des 21. Jahrhunderts hatte die übermäßige Nutzung diese Grundwasserschicht immer stärker belastet. Hätten wir damals nicht eingegriffen, wäre sie verlorengegangen. Dank der Frischwasserzufuhr in diese wasserführenden Schichten und des Wassers, das einige hundert Kilometer weiter an den Berghängen herabregnet und ins Grundwassser gelangt, schafft dieses Wasser weitere Oasen, statt in die nun bereits gefüllten früheren Schotts abzufließen.

Phase II: Algerien: Der Kanal von Gabès nach Roudaireville-les-Palmiers

Diese Arbeiten in Tunesien blieben nicht ohne Auswirkung im benachbarten Algerien. Plötzlich sah man dort, wie Oasen, die bis dahin langsam immer mehr verkümmerten, wieder auflebten. Baumstämme, die man lange für tot gehalten hatte, brachten plötzlich Zweige und und Blüten hervor. Dann startete Algerien seine eigene Blaue Revolution und gründete Roudaireville-les-Palmiers.

Im Schott Meghir hatten Heere von Arbeitern bereits den Boden vorbereitet und ein riesiges Netz von Deichen geschaffen, das den Schott in viele kleinere Becken unterteilte. Um den Entsalzungsprozeß zu beschleunigen, wurde das Wasser nach und nach in die einzelnen neuen Becken gelassen. Im Mittelpunkt des Systems wurde eine weitere Entsalzungsanlage gebaut, um dem aus Tunesien zufließenden Wasser das Salz zu entziehen. Das wieder auskristallisierte Salz wurde an einem geeigneten, dafür hergerichteten Ort abgelagert. Richtig bearbeitet, konnte man es beispielsweise im Straßenbau als Stützmaterial verwenden.

Auch der erdnahe Weltraum wurde zur Unterstützung herangezogen. Mit satellitengestützten Sensoren, die das gesamte Gebiet überblickten, konnte man den Prozeß Schritt für Schritt genau verfolgen. Auf diese Weise wurden Roudaireville und die gesamte Region zu einem Begriff für die Geologie und die Weltraum-Agrarforschung.

Unterdessen wurde das schwimmende Kernkraftwerk vor der Küste von Gabès gegen ein anderes ausgetauscht, das zehnmal soviel Strom erzeugen konnte. In einer schwimmenden Entsalzungsanlage, die man dorthin verschifft und wie eine Insel im Golf verankert hatte, wurde Süßwasser erzeugt. Für die Beschäftigten wurde nahebei ein Wohngebiet geschaffen auf der Inselstadt Aquagabès.

Diese Ausweitung der Strom- und Wassererzeugung ermöglichte den Beginn der nächsten Phase: den Bau eines Bewässerungskanals von Gabès zum neugegründeten Roudaireville in Algerien. Dieser Kanal, der durch Südtunesien nach Algerien führt, wurde als menschengemachter Fluß gestaltet, und an seinen Ufern wurden Bohrtürme angelegt, die Wasser in die Grundwasserschichten einleiteten.

Nachdem nun reichlich Wasser in die Sahara floß, wuchs dort die Bevölkerung - und die Zahl der Vögel. Dank der Blauen Revolution gewann Algerien an Souveränität. Statt billiges Öl und Gas zu exportieren, leitete man das Erdgas, das bis dahin von Hassi Messaoud zur Ausfuhr direkt in die Häfen gebracht worden war, durch eine neue Pipeline in die neuen Städte in der Schott-Region.

Der Staat gründete in Roudaireville eine große petrochemische Fabrik. Die Bevölkerung in der Region wuchs stark an und richtete Fabriken und Bergwerke ein, nachdem Straßen und Schnellbahnen für den Verkehr entstanden waren. Die Technik des gleisgeführten Luftkissenfahrzeugs (Aérotrain), deren Entwicklung Frankreich in den 1970er Jahren leichtfertig eingestellt hatte, bot hier hervorragende Einsatzmöglichkeiten. Dank dieses „Entwicklungskorridors“ gelang es, hier verarbeitende Industrie anzusiedeln.

Sonnenstrahlen und Wasser sind alles, was man braucht, damit mikroskopische Algen wachsen können, und hier werden sie in großen, vom Menschen angelegten Seen gezüchtet. Man muß nur noch Nährstoffe wie z.B. Kohlendioxid zuführen, Stickstoff aus der Öl- und Gasindustrie sowie Phosphate aus den lokalen Vorkommen. Diese Algen dienen der Fischzucht, verdrängen aber auch zunehmend das sonst übliche Futter in der Viehhaltung.

Nachdem diese produktive Wirtschaft in Gang gekommen war, wurden die Phosphatwerke, die bis dahin Gabès verschmutzt hatten, hierher umgesiedelt, wo sie die Umwelt nicht mehr verschmutzen, aber viele nützliche Minerale hervorbringen. Um die Algenzucht entwickelte sich eine ganze Industriebranche. Ihre Errungenschaften dienen auch der Erforschung der tropischen Landwirtschaft. Der alte Hafen von Gabès zieht inzwischen viele Touristen und Amateurgeologen an.

Die Zusammenarbeit zwischen Tunesien und Algerien bei der „Blauen Revolution“ führte auch zu einer Weiterentwicklung des Völkerrechts. Da das fließende Wasser keine Landesgrenzen kennt, entwickelte sich ein neuer Zweig des Besitzrechtes auf der Grundlage des Wasserrechtes und des Westfälischen Friedens, der nach dem Dreißigjährigen Krieg das „Recht des Stärkeren“ durch den Grundsatz des „Nutzen des anderen“ ersetzte, d.h. die Idee der gegenseitigen Weiterentwicklung, wie es dem Naturrecht entspricht.

Prof. Aly Mazaheri zufolge stammt das Wasserrecht aus Persien. Wenn es heute im Iran, in der Türkei, in Andalusien oder Algerien große Wasserleitungen gibt, die alle Nutzer fair mit Trinkwasser versorgen und erlauben, heute hier und morgen irgendwo anders zu bewässern, ist die Grundlage hiervon, daß diese Prinzipien übernommen und passende Gremien zur Regulierung des Verbrauchs geschaffen wurden. Tatsächlich hatte sich dieses Recht historisch in den persischen Wüsten entwickelt, und es richtet sich nicht nach den Besitzverhältnissen an der Landoberfläche an sich, sondern geht davon aus, wo das Wasser in einem Brunnen herkommt und wie es entdeckt wurde.

Die meisten internationalen Organisationen, die gegen Ende des 20. Jahrhunderts zur Klärung von Wasserkonflikten in Grenzregionen geschaffen wurden, waren (abgesehen davon, daß es oft Agentennester waren) bei den Wassernutzungsrechten ähnlich vorgegangen wie im Seerecht: man respektierte praktisch ein Recht auf Piraterie, wie es die historische Macht des Britischen Empire mit seinem empirischen Ansatz und Gewohnheitsrecht durchgesetzt hatte. In anderen Worten, man schuf ein „positives Recht“ auf der Grundlage des „Rechts des Stärkeren“.

Die Prinzipien der neuen Gesetze über das Recht auf Wasser erlaubten uns, Grenzkonflikte zu lösen, indem man dem Prinzip der gegenseitigen Entwicklung folgt, etwas, was mit dem modernen positiven Recht des Westens niemals möglich gewesen wäre.

Phase III: Die Sahara: Die Erschließung des Kontinents

Fast jeden Tag entstand in einer früheren Oase, die bis dahin verloren irgendwo im Sand und Gestein gelegen hatte, eine neue Stadt. Meist lag sie an Berghängen, wo es angenehmer war zu leben, während die Ebene Wüste blieb. Die Geologen machten große Fortschritte und konnten anhand ihrer Kenntnis der unterirdischen Wasseradern Empfehlungen geben, wo die nächste Stadt liegen solle. Was zunächst als eine riesige, uniforme Masse erschien, erwies sich als eine Vielfalt verschiedener Möglichkeiten, die jeweils eigene Ressourcen boten und immer neue Talente in dieses Eldorado zogen.

Nicht nur die Blaue Revolution als solche ermöglichte die Erschließung dieser abgelegenen Gebiete der Sahara, sondern auch der Bau großer Straßen und Bahnlinien als Verkehrsachsen. Eine dieser Achsen verband Tunesien und Algerien mit der Region um den Tschadsee und Zentralafrika, die zweite Marokko und Algerien mit dem Nigerdelta und Westafrika. Diese Aktivitäten setzten dem Exodus nach dem Norden ein Ende, und ein Teil der Bevölkerung des Maghreb zog aus der übervölkerten Region an der Mittelmeerküste in diese jetzt attraktiven Orte.

Es entwickelte sich eine „Oasen-Landwirtschaft“ mit Getreidefeldern und Zitrusgärten unter Palmen. Hier und dort konnte man Morgentau sehen. Aus dem Nichts entstanden zahllose Mikroklimata. Was einst lebensfeindliche Wüste war, ernährt nun nicht nur Nordafrika, sondern auch ferne Kontinente. Zunehmend verwendet man Bambus, Gras und Algen anstelle von Erdöl zur Plastikherstellung, aber auch, um die Böden fruchtbarer zu machen. Die Winde der Sahara wehen nun selten und sanft.

Phase IV: Auf in den Kontinent, von Gabès zum Tschadsee

Mithilfe des Wassers, das zunächst von Gabès und später auch von anderen Regionen Algeriens, Marokkos und Mauretaniens herbeigeführt wurde, wurde die Sahara zurückgedrängt. Die Libyer, die fossiles Wasser aus den Grundwasserschichten der Sahara ans Mittelmeer pumpten, haben inzwischen beschlossen, den Lauf ihres „Großen künstlichen Flusses“ umzukehren und stattdessen Süßwasser in den Süden zu leiten. Vor einigen Jahren startete Libyen ein weiteres Großprojekt, die Wiederbelebung des „zweiten Nils“, eines Flusses, der vor Jahrhunderten austrocknete und dessen Lauf 2009 wiederentdeckt wurde. Heute fließt das Wasser des zweiten Nil wieder über libysches Land.

Eine weitere radikale Transformation der Wüste entstand aus der erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen Ägypten, dem Sudan sowie anderen Ländern weiter im Süden, die im letzten Jahrzehnt gemeinsam den Nil selbst regulierten.

Abb. 3: Unter weiten Teilen der Sahara gibt es große unterirdische Wasservorkommen (auf dieser Karte dunkel/blau gefärbt), die für eine Entwicklung der Region genutzt werden können.

Aber das entscheidende Bindeglied war die Wiederauffüllung des Tschadsees, ein Projekt, das ebenfalls schon früh in diesem Jahrhundert begonnen wurde. Dieser südlich der Wüste gelegene See ist die Hauptstütze eines Netzes von Wasseradern, das den Tschad, ein Drittel der Zentralafrikanischen Republik und Teile von Kamerun und Nigeria durchzieht (Abb. 3).

Hinsichtlich des Wassers bildet dieses Netz von Wasseradern eine einzige, riesige Einheit: Es ist ein endorheisches Becken, d.h. eine Kontinentalzone, aus der das Wasser nicht in die Meere abfließt, sondern dort verbleibt. Nur weil es gelang, den Kampf für dieses Netz als ganzes zu gewinnen, war es möglich, die Wüste zu besiegen. Jeder lokale Versuch unter begrenzten besonderen Umständen hätte keine Zukunft gehabt, es wäre eine zum Scheitern verurteilte Illusion gewesen. Wie schon gesagt, der Grund dafür, daß unsere Länder heute gutnachbarliche Beziehungen auf der Grundlage der Zusammenarbeit haben, ist der, daß wir uns für die Blaue Revolution zusammengetan haben. Aus dem Ringen um Frischwasser, das man sich erzeugen und teilen muß, entwickelte sich eine Kultur des Gemeinwohls, des gemeinsamen Schicksals. Es war das Ende der Notbehelfe und des „Jeder für sich“.

Heute, im Jahr 2050, ist die Menschheit in der Lage, den Mars zu besiedeln, und unsere Entdeckungen haben dazu beigetragen: Jetzt, wo wir das Leben in die Wüste zurückgebracht haben, hat die Idee des Terraforming des Mars nichts Erschreckendes mehr.

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