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Neue Solidarität
Nr. 25-26, 18. Juni 2026

Transformative Ideen für eine neue Weltordnung

Eine Konferenz des Schiller-Instituts in Berlin befaßte sich mit dem globalen Paradigmenwandel am überfälligen Ende der Kolonialepoche.

„Das Ende der 500jährigen Kolonialepoche – für einen Dialog der Zivilisationen“: Zu diesem Thema veranstaltete das Schiller-Institut am 30. und 31. Mai in Berlin eine internationale Konferenz mit 150 Teilnehmern aus Europa, Amerika und dem Globalen Süden. Im Laufe der zweitägigen Veranstaltung sprachen Redner aus einem Dutzend Ländern – neben Deutschland, Frankreich, Italien, der Schweiz und Serbien auch die USA, China, Indien, Iran, Afghanistan, Südafrika, Uganda und Kamerun – in vier Sitzungen über wichtige Aspekte der internationalen Beziehungen, der Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst. Ein Kulturabend bot Musik und Poesie aus verschiedenen Ländern und Kulturen.

Die Eröffnungssitzung zum Thema „Die dringende Notwendigkeit einer neuen globalen Sicherheits- und Entwicklungsarchitektur“, moderiert von Stephan Ossenkopp, wurde von den Teilnehmern aus vielen Nationen als „inspirierend“ angesichts der vielfältigen Gefahren und des wirtschaftlichen Zerfalls gelobt. Sie wurde eröffnet von Helga Zepp-LaRouche, der Präsidentin des Schiller-Instituts und Chefredakteurin von EIR. Es folgten Redner aus China, Italien, den Vereinigten Staaten, Indien und Deutschland. Mit ihrer Aussage „Wir lassen die europäische Zivilisation nicht untergehen!“ setzte Zepp-LaRouche den Ton für die ernsthaften und engagierten Ausführungen der zahlreichen Redner aus anderen Ländern. Mehrere von ihnen hoben besonders hervor, daß gerade das Schiller-Institut die dafür notwendigen Ideen entwickelt.

„Wir befinden uns derzeit in einer umgekehrten Kubakrise“, lautete Zepp-LaRouches einleitende Einschätzung. Es könne schon kurzfristig zum Ausbruch eines Weltkrieges kommen, ausgelöst durch den Stellvertreterkrieg, den die NATO über die Ukraine gegen Rußland führt. Sie schilderte die Vorgeschichte dieser Krise, u.a., daß sich die NATO immer weiter nach Osten ausgedehnt hat, obwohl Rußland das Gegenteil zugesichert worden war. Heute habe sich die Krisensituation so weit zugespitzt, daß die europäische „Koalition der Willigen“ alle Friedensbemühungen aus Rußland und sogar aus den Vereinigten Staaten unterläuft. Gleichzeitig verschärften sich auch andere Krisenherde. Dazu wies Zepp-LaRouche auch auf den politischen Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und China hin. Die „unipolare Ordnung“ definiere sich insbesondere dadurch, permanent Krieg zu führen und Feindbilder aufrechtzuerhalten. Sie schloß mit einem Appell: „Die Vereinigten Staaten und Europa müssen ihre Seele wiederfinden!“

Prof. Zhang Weiwei aus China, Direktor des China-Instituts der Shanghaier Fudan-Universität und weltweit bekannter Kommentator, erklärte, es sei eine Voraussetzung für eine gemeinsame Zukunft der Welt, alle Nationen einzubeziehen. In seinem Vortrag „Aufbau einer multipolaren Weltordnung zum gegenseitigen Vorteil“ erörterte er die chinesische Politik der „Win-Win-Zusammenarbeit“ zur Verbesserung der politischen und wirtschaftlichen Weltordnung und führte dazu konkrete Beispiele der Zusammenarbeit Chinas mit den ASEAN-Staaten an. Notwendigkeit seien Zusammenarbeit und Neutralität. Im Einklang mit dem Grundsatz der Konferenz betonte er, „eine solche Transformation erfordert transformative Ideen und Mut”.

Prof. Pino Arlacchi aus Italien, ehemaliger stellvertretender UN-Generalsekretär, ging auf die unverzichtbare Rolle der Vereinten Nationen ein. Die UNO bedürfe einer grundlegenden Modernisierung, u.a. mit einer Abschaffung des Sicherheitsrates und des Vetorechts, damit sie dem Prinzip „ein Land, eine Stimme“ folgen und die Realität und Interessen der Globalen Mehrheit widerspiegeln könne. Arlacchi will sich dafür selbst um das Amt des UN-Generalsekretärs bewerben. [Sind wir sicher, daß der kommende wirtschaftliche Sturm global wird?]

Botschafter a.D. Chas Freeman aus den Vereinigten Staaten, Wissenschaftler und ehemaliger US-Botschafter in Saudi-Arabien, hielt per Video eine eindringliche Rede mit dem Titel „Die Geburt, der Tod und die voraussichtliche Wiedergeburt der Weltordnung“, worin er deutliche Worte über sein Heimatland fand. Er erklärte ganz offen: „Leider ist mein Land, die Vereinigten Staaten von Amerika, zu einem Monster geworden und zerlegt töricht die Weltordnung, die es ursprünglich selbst gefördert hat.“

Aus dieser Perspektive analysierte er die verheerende Rolle der USA seit dem Ende des Kalten Krieges. In den letzten 500 Jahren der europäischen Zivilisation sei es, trotz positiver Momente wie dem Erbe des Westfälischen Friedens von 1648, zu einem langen Niedergang gekommen. Heute seien die USA isoliert und gefangen in dem falschen Denken „Macht vor Recht”. Die Lösung bestehe darin, die richtigen Ideen zu entwickeln und in die Tat umzusetzen. Freeman äußerte selbst mehrere Vorschläge, u.a., das spekulative Finanzkapital einzudämmen. Er erklärte: „Ideen können zu Taten werden, die die Welt verbessern. Diejenigen, die den Mächtigen die Wahrheit sagen, werden bestätigt, wenn ihr fundiertes Urteil Gehör findet und Gesellschaften zu mehr Gerechtigkeit bewegen.”

Sanjay Tripathi aus Indien, ehemaliger hochrangiger Beamter in verschiedenen indischen Ministerien, ging in seiner Rede „Die dringende Notwendigkeit einer neuen globalen Sicherheit“ ebenfalls auf zentrale Punkte der Beziehungen zwischen den Nationen ein. Er zählte eine Reihe von Problemen in den internationalen Beziehungen auf, die „die treibende Kraft für eine neue globale Sicherheit“ sein sollten, und machte ausführliche Vorschläge für Mechanismen, um diese Probleme zu bewältigen.

Dr. Wolfgang Bittner, Wissenschaftler und Autor aus Deutschland, unterstützte ausdrücklich Zepp-LaRouches Aufruf zu einer neuen Sicherheitsarchitektur und betrachtete unter dem Titel „Souveränität, Neutralität, Kultur“ viele Aspekte der Lage Deutschlands. Deutschland sei derzeit nicht souverän, erklärte er, aber trotz der düsteren Lage im Land schöpfe er aus dem Austausch mit dem Schiller-Institut Hoffnung.

„Lassen Sie uns auf der Grundlage gemeinsamer Idee gemeinsam handeln, damit wir andere verändern, uns selbst verändern und die Kultur verändern” – so faßte Zepp-LaRouche die Eröffnungssitzung zusammen, die „alle beflügelt“ habe.

Souveränität und Konsens der Regierten

Die zweite Vortragsrunde zum Themenkomplex „Souveränität und Konsens der Regierten“, moderiert von Elke Fimmen, begann mit einem Vortrag des ehemaligen französischen Präsidentschaftskandidaten und Präsidenten von Solidarité et Progrès, Jacques Cheminade, über das Thema „Ein Neubeginn zur Verhinderung des Aussterbens der Menschheit“. Er stellte darin das „mafiöse“, faschistische menschenfeindliche Bündnis zwischen den „Lords des Wall-Street-Kapitalismus“ (wie Jeffrey Epstein) und den „Lords des SiliconValley“ bloß. Ihr einziges Interesse sei die Aufrüstung für einen nuklearen und Cyberkrieg gegen Rußland. Dieses kranke System arbeite mit Korruption, Sex, Gewaltpropaganda und Angstmache und könne nur durch die Dynamik einer neuen Sicherheitsarchitektur der Welt eingedämmt und schließlich beendet werden. Dabei dürfe man aber nicht alles, was als „westlich“ gilt, über Bord werfen. Es habe ja in den vergangenen Jahrhunderten hervorragende, konstruktive Denker wie Nikolaus von Kues gegeben, deren Menschenbild – der Mensch als Ebenbild Gottes – beim Aufbau dieser neuen Architektur helfen kann, sagte Cheminade und verwies hierzu auch auf die Beiträge von Lyndon LaRouche. Er zitierte Friedrich Schiller (Die Künstler):

Jürgen Schöttle, Ingenieur im Kraftwerksbereich aus Deutschland, legte in seinem Vortrag dar: „Wirtschaftliche Energieversorgung und Souveränität sind untrennbar“. Deutschlands Ausstieg aus fossiler Energie und Atomkraft stelle die Stromversorgung der Industrie und der Gesellschaft in Frage und erhöhe die Abhängigkeit von Energiequellen wie Wind und Sonne, die angeblich „billiger“, in Wirklichkeit aber teurer seien. Der Steuerzahler müsse sie mit 100 Milliarden Euro Subventionen im Jahr bezahlen!

Der deutsche Journalist und Autor Patrick Baab sprach zum Thema „Staatsstreich in Permanenz – die Zensur-Industrie und das Verwertungsmodell des Digitalen Kriegs-Kapitalismus“. Er befaßte sich mit den vielfältigen Methoden von Entrechtung und Abhängig-Machen des Bürgers. Das Vorgehen der digitalen Interessengruppen diene dem Ziel der totalen Kontrolle und der Schaffung von Akzeptanz der Kriegsvorbereitungen.

Oberstleutnant a.D. Ralph Bosshard aus der Schweiz, ehemaliger militärischer Berater des Generalsekretärs der OSZE, ließ seinen Redebeitrag verlesen, in dem er die „Kognitive Kriegsführung“ unter Einsatz von Kontrollmechanismen im Inneren sowie Verhängung von Sanktionen über die Landesgrenzen hinaus scharf kritisiert. Dabei komme es zu systematischen Verleumdungen, Zwang gegen Institutionen und Firmen anderer Länder zur Umsetzung unrechtmäßiger Forderungen – in offener Mißachtung der territorialen Souveränität des Staates und anderen Errungenschaften von 350 Jahren europäischer Geschichte.

Einen positiven Gegenpol dazu beschrieb Dr. Jasminka Simić, Redakteurin von Radio-Television Serbia. In ihrem Vortrag „Die von China inspirierte neue Form der Kooperation zwischen den Staaten des Globalen Südens aus serbischer Sicht“ gab sie einen Einblick in die jüngste Entwicklung der Beziehungen zwischen Serbien und China. Jugoslawien, der staatliche Vorgänger Serbiens, gehörte zu den Gründern der Blockfreien-Bewegung, mit den Kernpunkten politische und wirtschaftliche Souveränität, nicht-kriegerische Außenpolitik und Neutralität. Serbien profitiere technologisch von der Zusammenarbeit mit China im Bergbau und beim Ausbau der Infrastruktur (z.B. die Eisenbahn Belgrad-Budapest). Die Koordinierung des Programms „Serbia 2030“ mit dem 15. Fünfjahresplan Chinas werde den Einsatz von KI und Robotik in der serbischen Industrie verstärken und das Programm „Sprung in die Zukunft 2027“ unterstützen, wenn Serbien Gastgeber der Weltausstellung EXPO 2027 ist. Zahlreiche Innovationen, darunter vollautonome Fahrzeuge, sollen auf der EXPO im August 2027 in Belgrad präsentiert werden.

Zum Abschluß der Nachmittagssitzung sprach Dr. Theodore Postol aus den USA, emeritierter Professor für Wissenschaft, Technologie und nationale Sicherheit am Massachusetts Institute of Technology. Er thematisierte das ideologisch motivierte Ignorieren wichtiger Erkenntnisse der Wissenschaft im politischen Prozeß. Das Geschwätz über die „Klimakatastrophe“ blende die Rolle der Sonne bei Erderwärmungen völlig aus: Im Laufe von 2000 Jahren schwankt die Erdumlaufbahn um die Sonne stark, um 600.000 Kilometer, und das ist wiederum Teil eines 11.000 Jahre langen Zyklus von Erwärmungen. Derzeit leben wir in einer Erwärmungsphase, die bis etwa 2600 anhalten wird, danach kühlt es sich wieder ab. Eine „Kohlendioxidkatastrophe“ finde hier nicht statt.

Postol sagte, man solle lieber über Deutschlands Energieproblem nach dem Ausstieg aus dem russischen Gas und dem Verlust der Nord-Stream-Pipeline reden, das sei die wahre Gefahr für Deutschland, zusammen mit dem Druck der NATO auf ihre Mitgliedsstaaten, sich am Krieg gegen Rußland zu beteiligen und sich damit dem Risiko eines direkten Krieges mit dieser riesigen Atommacht auszusetzten. Rußland warne immer wieder vor weiterer Eskalation, aber das werde heruntergespielt, obwohl solche Warnungen vor russischen Gegenmaßnahmen sehr ernst zu nehmen seien. Wir müßten dringend erkennen, in welche brandgefährliche Lage wir uns begeben haben.

Konzert und Dialog der Kulturen am Abend

Ein Höhepunkt der Berliner Konferenz des Schiller-Instituts war der von Helga Zepp-LaRouche moderierte Kulturabend, bei dem Künstler aus China, Rußland, Deutschland, Albanien und anderen Ländern Musik und Lyrik aus verschiedenen Kulturen präsentierten. Er wurde eröffnet von dem russisch-niederländischen Pianisten Martin Kaptein mit Mozarts Phantasie in c-moll, KV 475.

Es folgte eine Mischung aus Reisebericht, Roman und Video über zwei Iran-Reisen, die die Schönheit der alten persischen Kultur und die Freundlichkeit der Menschen zeigten – ganz im Gegensatz zu dem, was man aus den Medienberichten über das sogenannte „Mullah-Regime“ vermittelt bekommt. Andrea Röschke, Verfasserin eines Buches über ihre Reisen in den Iran (Iran selbst erlebt), berichtete in einem Videobeitrag über ihre Eindrücke. Die Schauspielerin und Autorin Gabriele Gysi reflektierte unter der Überschrift „Tausend und zwei Nächte“ über ihre Erlebnisse auf einer Reise in den Iran zum Jahreswechsel 2022/23, und flocht darin Gedanken über die literarischen Figuren Scheherazade und Kassandra ein. Ihr Resümee: „Wahrscheinlich waren wir im gastfreundlichsten Land der Erde zu Besuch.“

Der Pressereferent der iranischen Botschaft, Dr. Mostafa Maleki, hielt einen Vortrag über Goethes West-östlichen Diwan, in dem er die geistigen Gemeinsamkeiten zwischen Goethe und Hafis erörterte, und trug dann auf Persisch Gedichte von Hafis vor, begleitet von einem persischen Musikinstrument. Wann hat man schon einmal einen deutschen oder amerikanischen Diplomaten Gedichte vortragen hören?

Der Dialog der Kulturen wurde fortgesetzt mit deutscher Lyrik, rezitiert von Wolfgang Bittner, der Schriftstellerin Renate Schoof und Helga Zepp-LaRouche, die selbst verfaßte Gedichte über Krieg und Frieden und die dahinterstehende Denkweise vortrugen.

Weitere „Farbtupfer“ kamen aus China. Die Künstlervereinigung Europa und Asien in Deutschland e.V. präsentierte ein chinesisches Ballett zum „Lied des Lotuspflückens“, und Dr. Andreas Pietsch erläuterte die chinesische Wölbbrett-Zither (Guzheng) und deren kulturelle Bedeutung und spielte dann ein Stück darauf vor.

Martin Kaptein sprach als Musikpädagoge über die Frage „Warum klassische Musik wichtig ist“ und befaßte sich mit den radikal verschiedenen Menschenbildern, die der modernen Popkultur und der klassischen Musik zugrunde liegen.

Es folgte ein großartiges Programm mit albanischen, chinesischen und russischen Liedern, vorgetragen von Feride Istogu Gillesberg (Sopran) und Almira Emiri (Klavier) aus Albanien, dem chinesischen Bariton Fan Xu, der abchasischen Pianistin und Komponistin Khibla Amichpa und der russischen Sopranistin Irina Zhuravleva.

Die besondere Qualität dieses Kulturabends lag in der Kombination aus Lyrik, Erzählung, Videodokumentationen und wunderschöner Musik; doch vor allem verkörperte er die Idee, daß man das Beste aus verschiedenen Kulturen zusammenbringen kann, und er inspirierte alle zu Begeisterung für eine zukünftige neue Renaissance.

Das Ende von 500 Jahren Kolonialismus

Der dritte Themenkomplex am Sonntagvormittag wurde von Harley Schlanger eröffnet, er sprach über die „Die wahre Geschichte der Unabhängigkeitserklärung“ und entlarvte den Mythos der amerikanisch-britischen „Sonderbeziehung“ als Geschichtsfälschung. König Charles habe bei seinem jüngsten USA-Besuch die Amerikanische Revolution fälschlich als nahtlose Fortsetzung der britischen Traditionen dargestellt. In Wahrheit habe sich die Gründung der Vereinigten Staaten gegen das Britische Empire und dessen Methoden gerichtet.

Schlanger beschrieb die lange Vorgeschichte der Revolution seit der ersten Koloniegründung 1607: Die Einschränkung der Handelsfreiheit im Navigation Act von 1660 löste Empörung unter den Kolonisten aus. Zur offenen Rebellion kam es dann 1773 mit der Boston Tea Party, als die Britische Ostindiengesellschaft durchsetzen wollte, daß nur ihr Tee gehandelt wird. Schließlich folgte im März 1775 der erste Schußwechsel zwischen Amerikanern und englischen Truppen.

In dem Krieg sei es um zwei gegensätzliche Menschenbilder gegangen: Die britische Seite sah die Kolonisten als Untertanen und „Melkkühe“, die amerikanische hatte das Ideal des schöpferischen freien Bürgers, dessen Arbeit dem Gemeinwohl statt der Krone zugutekommt. Dieses Konzept sei im jahrzehntelangen wissenschaftlichen und politischen Austausch zwischen Kolonisten und Leibniz-Netzwerken in Europa entwickelt worden, wozu Benjamin Franklin auch Deutschland besuchte. Die „Sonderbeziehung“ sei eine Erfindung Churchills gewesen, um an amerikanische Hilfe und Geld zu kommen und damit nach dem Zweiten Weltkrieg das Empire zu retten. Wenn Amerika etwas feiern sollte, dann die Erklärung der Unabhängigkeit von London vor 250 Jahren!

Der äthiopische Botschafter in Berlin, Eskindir Yirga Asfaw, stellte die Zukunft Afrikas und damit auch der Menschheit höchst optimistisch dar und vermittelte damit den Geist, wohin die Menschheit gelangen kann, wenn sie den heutigen geopolitischen Irrsinn überwindet. Äthiopien sei nicht nur „die Wiege der Menschheit“, es sei auch niemals kolonisiert worden. Als Italien 1896 versuchte, gemäß den Aufteilungsplänen des berüchtigten Berliner Afrika-Kongresses Äthiopien zu besetzen, scheiterte dies am Widerstand der Äthiopier in der Schlacht von Adwa. Das Land habe dann beim zweiten militärischen Vorstoß der Italiener 1935 seine Souveränität erneut verteidigt.

Äthiopien habe eine klare Perspektive für seine künftige wirtschaftliche Entwicklung. Es setze sich für eine Welt unabhängiger Nationen ein, die sich mit Respekt begegnen – es trat schon 1923 dem Völkerbund und 1945 den Vereinten Nationen bei. Addis Abeba war 1963 Gründungsort der Organisation Afrikanischer Staaten, heute ist das Land auch BRICS-Mitglied.

In ähnlicher Weise betonte der Botschafter der Islamischen Republik Iran in Deutschland, Majid Nili, in seiner Rede das Prinzip der Souveränität und Unverletzlichkeit des Iran. Dazu gehöre das Recht auf Verteidigung gegen imperiale Aggressoren, die Achtung der Souveränität anderer Nationen und das souveräne Recht aller auf wirtschaftliche und politische Entwicklung ohne Einmischung von außen.

Daud Azimi, Vorstandsmitglied der Ibn Sina Research and Development Organization (ISRAND) aus Afghanistan, betonte die Dringlichkeit einer neuen Sicherheits- und Entwicklungsarchitektur. Über akute humanitäre Aktionen müsse man Perspektiven und verläßliche Institutionen schaffen. Auf die Initiative des Schiller-Instituts hin habe es eine große Konferenz in Kabul gegeben, auf der 600 Männer und 200 Frauen über solche Perspektiven diskutierten. Viele qualifizierte Afghanen lebten heute im Ausland, die am Wiederaufbau von Infrastruktur, aber auch Bildung und Kultur mitarbeiten können. Afghanistan nur durch „die Linse von Krieg und Krise“ zu betrachten, entspreche nicht dem Denken und den Wünschen der Afghanen, sagte Azimi.

Eine Video-Einspielung stellte dann ein Team von jungen Ugandern vor, die nach einem kurzen Rückblick auf die afrikanische Geschichte der letzten 500 Jahre – Sklavenhandel, Kolonialismus und Neo-Kolonialismus, neue Abhängigkeit durch Verschuldung – die Zukunft des Kontinents und ihres eigenen Landes in der Zusammenarbeit mit der BRICS-Gruppe definierten. Afrika brauche eigene wirtschaftliche und finanzielle Strukturen, und es müsse darüber nachdenken, was es zum „Tisch der Unabhängigen“ weltweit beisteuern kann und will. Die heutige Jugend müsse in die Rolle hineinwachsen, Pläne zu entwickeln, um für eine schnell wachsende afrikanische Bevölkerung – bis auf 2,5 Milliarden Mitte des Jahrhunderts – Arbeit und Zukunft zu sichern.

Nicht Feinde, sondern „potentielle Freunde“

In der Nachmittagssitzung, moderiert von Claudio Celani, sprachen weitere Redner über das Ende der Kolonialära.

Charles Onana, Politikwissenschaftler und Autor aus Kamerun, berichtete über Afrikas koloniale Geschichte seit der Aufteilung durch die Kolonialmächte, und kritisierte die falsche Darstellung, Afrika erhalte Entwicklungshilfe, weil es diese Hilfe brauche. Dieses Narrativ solle davon ablenken, daß es bei diesem Engagement nur darum geht, den westlichen Mächten den Zugriff auf Afrikas Rohstoffe zu sichern. Onana zitierte aus Dokumenten des französischen Militärs, der NATO und der US-Regierung, aus denen diese Denkweise deutlich zutage trat. Afrika stehe deshalb im Zentrum der Weltrivalitäten, auch heute noch. Aber Afrikas Staatsführer seien inzwischen aufgewacht, die Afrikaner wollen die Ressourcen des Kontinents selbst nutzen.

Purnima Anand, Präsidentin des BRICS Forum Indien, war per Video zugeschaltet. Sie betonte, die derzeitigen Herausforderungen seien keine „Katastrophe“, sondern Aspekte des Übergangs von einer 500 Jahre langen Kolonialära zu einem neuen, multipolaren System. Sie forderte eine Reform der UNO und anderer Institutionen, damit die aufstrebenden Staaten der Welt mehr Mitsprachrechte erhalten; das schließe auch finanzielle Strukturen ein. Außenpolitisch wolle man keinerlei Mitwirkung an einem neuen Kalten Krieg dulden, vielmehr hätten für den Globalen Süden Unabhängigkeit und Neutralität sowie Partnerschaft mit Osten und Westen Vorrang. Das gegenwärtige Weltwirtschaftssystem müsse durch eines ersetzt werden, das nicht von Rohstoffausbeutung durch den Globalen Norden, sondern vom Aufbau wertschöpfender Industrie vor Ort im Globalen Süden und Transfer von Knowhow geprägt ist. Das sei die richtige Architektur für die nächsten 50 Jahre.

Der südafrikanische Journalist Abbey Makoe, Gründer des Global South Media Network, fand dann harte Worte dafür, daß beispielsweise am alljährlichen „Afrikatag“ optimistische Reden gehalten werden, sich aber an den weiterbestehenden neokolonialen Strukturen, mit denen die Afrikaner manipuliert werden, nichts ändere: Afrikanische Länder exportieren Rohstoffe und importieren Fertigprodukte, sind auf externe Finanzierung angewiesen, und Regierungen sind nur allzu bereit, internationalen Finanzinstitutionen und Gläubigern nationales Besitztum zu opfern. Um etwas zu ändern, müsse Afrika seine Zersplitterung überwinden und mit einer Stimme sprechen lernen.

Jérôme Ravenet, französischer Sinologe und Philosophieprofessor, konstatierte den Verfall des Kolonialismus nach 500 Jahren – nicht zuletzt, weil der Westen heute seine Privilegien auf nur noch 15% der Weltbevölkerung stützen könne, während die übrige Welt 85% der Bevölkerung stellt. Die BRICS-Staaten hätten nicht nur ein größeres BIP als die G7, sie beweisen auch, daß Wachstum bei gleichzeitiger erfolgreicher Armutsbekämpfung möglich ist. Überkommene Privilegien, wie die 27% an Stimmrechten beim IWF für die Europäer bei nur 6% für China, dessen Wirtschaftskraft ebenwertig ist, seien nicht länger aufrechtzuerhalten.

Bemerkenswert sei bei alledem, daß China philosophisch gesehen keine Feindschaften kennt, sondern nur „potentielle Freunde“, also Menschen, die schon Vorteile einer neuen Weltordnung erkennen, sich aber vom alten Paradigma noch nicht losgesagt haben. Das chinesische Angebot, eine Zukunftsgemeinschaft aller zum Wohle aller zu schaffen, sei daher der bessere Weg, wenn man dem Übergang vom alten zum neuen Paradigma im Frieden will. Das verbissene Festhalten an der Macht einer Minderheit hingegen führe zum Gegenteil, zu Krieg und Katastrophen.

Wolfgang Riess aus Deutschland sprach über die „Zukunft der Automobilindustrie“. Er hielt zunächst fest, die Differenzierung der Märkte auf der Welt mache es für die klassischen Autokonzerne schwierig, Fahrzeuge für alle diese verschiedenen Schwerpunkte zu produzieren. Während Indien und Brasilien auf den Zustand ihrer Infrastruktur angepaßte, robuste Wagentypen favorisieren, setze China auf schnelle Integration neuer Technologien. Die Zukunft gehöre modularen Plattformen, die sich je nach Einsatzbedarf kombinieren lassen. Die Anforderungen neuer Modell-Entwicklungen gingen über den klassischen Typus des Herstellers hinaus, man brauche Allianzen zwischen Produzenten, Entwicklern und Zulieferern – und es würden auch nicht alle Automarken überleben. Zukünftig werde es viele verschiedene Antriebssysteme und unterschiedlichen Einsatz digitaler Systeme geben, sagte Riess.

Abschließend sprach Mrutjuanjai Mishra, Journalist aus Indien und Kommentator der Times of India, über die Notwendigkeit, den Indern nach ihrer politischen Unabhängigkeit seit 1947 auch die Unabhängigkeit des Denkens und der Kultur zu verschaffen. Die Engländer hätten Indien durch ihr System der Umerziehung zu westlichen Werten beherrscht, dabei habe Indien anderen Staaten viel Wertvolles gegeben – wie Sanskrit, Mathematik, Astronomie und Medizin –, ehe die Engländer kamen und den Indern andere „Werte“ eintrichterten. Einer Studie zufolge habe das System von Steuererhebung, Schließung lokaler Produktion und Ausbeutung von Rohstoffen England in Indien 45 Milliarden Pfund Profit gebracht. Indiens Zukunft liege in der Kooperation mit Rußland, China und dem Globalen Süden in der gemeinsamen Arbeit an neuen Strukturen, die einer multipolaren Welt angemessen sind.

In ihrem Schlußwort zog Helga Zepp-LaRouche das folgende Resümee:

Wir dokumentieren in dieser Ausgabe die Beiträge des ersten Konferenzabschnitts.

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