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Aus der Neuen Solidarität Nr. 35/2008

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Afrika braucht 25 Millionen Tonnen Nahrungsmittelhilfe!

Nahrungsmittelkrise. Angesichts der Fakten, die auf dem Tisch liegen, gibt es überhaupt keinen Grund mehr, nach neuen Studien zur Nahrungsmittelkrise zu rufen. Wenn das dennoch von Seiten internationaler Hilfsorganisationen und offizieller Institutionen passiert, kann das nur als Sabotage der notwendigen Sofortmaßnahmen gewertet werden.

EIR
Abb. 1: Das Nahrungsmittel-Defizit liegt in 28 afrikanischen Staaten zwischen 5 und 45%, gemessen an einer Mindestmenge von 2100 Kalorien pro Kopf und Tag.
Quellen: USDA Economic Research Service, Bevölkerungsdaten: UNEP, EIR.

Unmittelbar werden fast 25 Mio. t Getreide oder Getreide-Äquivalent benötigt, um die mehr als 850 Millionen Menschen in 41 der 53 Nationen Afrikas ernähren zu können. Dieser Bedarf kommt zu den 40 Mio. t an Getreide hinzu, die diese Nationen in den letzten Jahren normalerweise importiert haben, aber sich jetzt nicht leisten können, und zu der geringen Menge an Nahrungsmittel-Hilfslieferungen, die das Welternährungsprogramm (WFP) und ähnliche Organisationen verteilen, die die Rationen drastisch reduzieren mußten.

Eine Fortsetzung der derzeitigen Nahrungsmittel-Verweigerung wäre Völkermord. Diese Krise wird noch durch die Tatsache verschlimmert, daß die globalen Nahrungsmittel-Vorräte, die man bräuchte, um sie zu beheben, gar nicht existieren. Wir brauchen eine Mobilisierung sowohl der Produktion von Nahrungsmitteln als auch der Nothilfe, und gleichzeitig eine sofortige Einstellung der Verwendung von Nahrungsmitteln zur Produktion von Biotreibstoffen.

Die Zahl von 25 Mio. t ergibt sich, wenn man die „Nahrungsmittel-Lücke“, die in jedem der 41 armen Staaten existiert, d.h. das, was notwendig wäre, um eine Mindestration von 2100 Kalorien pro Tag und Kopf zu erreichen, mit dem vergleicht, was in den jeweiligen Ländern produziert oder als Nahrungsmittelhilfe eingeführt wird.

Tab. 1 enthält diese Zahlen für jedes dieser Länder, auf der Grundlage einer Datenreihe für weltweit 70 arme Nationen, die der Forschungsdienst des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA) zusammengetragen und in seinem jüngsten Jahresbericht, Ernährungssicherheit 2007, der im Juli 2008 erschienen ist, veröffentlicht hat. Vom USDA stammt auch das Kriterium der 2100 Kalorien/Tag, und EIR errechnete hieraus den Bedarf Afrikas Anfang 2008. Abb. 1 zeigt 28 der bedürftigen Nationen Afrikas, aufgereiht nach dem ungedeckten Bedarf, der von 5-10% (im Falle der 79 Millionen Äthiopier) bis zu 20-55% (im Falle der 59 Millionen Menschen in der Demokratischen Republik Kongo) reicht.


Tab. 1:  Ungedeckter Nahrungsmittelbedarf in 41 afrikanischen Staaten

Region/Land                                      

Bevölkerung

 (Mio.)

Ungedeckter Bedarf

(absolut, in 1000 t)

Ungedeckter Bedarf

(% des Gesamtbedarfs)

Zentralafrika

 

8.200,0

 

Dem. Rep. Kongo

58,7

7.195,1

45,0%

Zentr. Afrik. Rep.

4,2

284,6

23,8%

Kamerun

17,8

719,8

12,5%

Ostafrika

 

7.495,0

 

Eritrea

4,5

657,9

53,9%

Somalia

8,2

925,6

42,5%

Burundi

7,9

718,9

33,1%

Rwanda

9,2

357,4

14,5%

Kenia

35,6

1.321,9

13,5%

Äthiopien

79,0

1.872,7

8,9%

Tansania

38,5

875,5

8,5%

Sudan  

36,9

453,1

3,9%

Uganda

29,0

312,1

3,6%

Südafrika

 

2261

 

Lesotho

2,0

97,5

17,7%

Simbabwe

13,1

600,1

17,4%

Madagaskar

18,6

883,1

16,2%

Sambia

11,5

402,4

14,1%

Swasiland

1,1

21,3

6,6%

Mosambik

20,5

158,9

2,7%

Malawi

13,2

50,3

1,2%

Angola

16,1

47,3

0,9%

Westafrika

 

5.892,0

 

Sierra Leone

5,6

582,8

30,7%

Guinea-Bissau

1,6

127,2

27,3%

Liberia

3,4

248,4

24,5%

Senegal

11,8

510,0

15,0%

Niger

13,3

670,5

15,0%

Gambia

1,6

68,0

14,6%

Tschad

10,1

460,6

14,3%

Togo

6,2

240,7

13,9%

Burkina Faso     

                14,0

588,6

12,0%

Mauretanien

3,0

107,0

11,9%

Benin

8,5

250,6

10,0%

Elfenbeinküste

18,6

570,3

9,9%

Kap Verde

0,5

8,4

5,3%

Guinea

9,0

130,1

4,5%

Mali

11,6

143,9

3,4%

Ghana  

                22,5

175,4

2,4%

Nigeria

141,4

1.012,3

2,0%

Nordafrika

 

12,5

 

Marokko

30,5

12,5

0,1%

Tunesien

10,1

0,0

0,0%

Ägypten

72,8

0,0

0,0%

Algerien

32,9

0,0

0,0%

Summe

854,8

23.860,5

 



Diese Quantifizierung des ungedeckten Bedarfs wirft ein Schlaglicht auf die Tatsache, daß die Nahrungsmittelproduktion schon allein, um ein bloßes Minimum an Nahrungsmitteln sicherzustellen, weltweit so schnell wie möglich ausgeweitet werden muß, um die für die Hilfslieferungen benötigten Mengen zu erzeugen. Gleichzeitig muß eine Mobilisierung zur drastischen Ausweitung der Produktion in Afrika selbst höchste Priorität erhalten.

Einige Vergleiche unterstreichen diesen Punkt: Die 25 Mio. t für Afrika sind weit mehr als die 18 Mio.  t, die das Welternährungsprogramm 1993 (dem bisherigen Rekord seiner Lieferungen) weltweit an Getreidelieferungen organisierte. Zweitens sind diese 25 Mio. t ein volles Achtel des Gesamtvolumens an Getreide, das in den letzten Jahren jährlich gehandelt wurde (200 Mio. t der weltweit geernteten rund 2 Mrd. t). Der größte Teil des Getreides und der Ölsaaten, die weltweit angebaut werden, wird in den Ländern verbraucht, die sie erzeugen, und es gibt jeweils nur wenige Ausnahmen, die den Exportmarkt dominieren, wie die Vereinigten Staaten, Kanada, Australien, Argentinien, die 27 EU-Staaten und inzwischen auch Rußland. In fünf der letzten zehn Jahre übertraf der Verbrauch die weltweite Getreideproduktion! Die Vorräte an Weizen, Reis und Mais sind auf historischen Tiefstständen, so daß nur noch geringe Reserven existieren. Inzwischen ergreifen immer mehr Nationen Maßnahmen, um ihren eigenen Verbrauch abzusichern, indem sie den Verkauf auf dem Weltmarkt einschränken oder unterbinden.

Wo soll also die Nothilfe für Afrika herkommen? Zunächst müssen die Nationen mit der bisherigen Praxis und mit dem Denken brechen, das uns in diese Krise überhaupt erst hineingeführt hat  und eine Mobilisierung zur Ausweitung der Produktion und der Hilfslieferungen beginnen. Derzeit zirkuliert eine internationale Resolution, in der die UNO-Vollversammlung aufgefordert wird, sich der Nahrungsmittelkrise anzunehmen und zu handeln, wenn sie am 26. September in New York City zusammentritt. Diese Resolution wurde am 29. Juli von Helga Zepp-LaRouche, der Vorsitzenden des Schiller-Instituts, veröffentlicht (siehe Neue Solidarität 32/2008,Resolution zur weltweiten Krise“). Sie fordert darin eine Verdoppelung der weltweiten Nahrungsmittelproduktion und einen Bruch mit der Welthandelsorganisation WTO, deren Philosophie und Praxis, ein Verbot der Produktion von Biotreibstoffen und die Schaffung eines neuen weltweiten Kreditsystems für Infrastruktur und Entwicklung.

Institutionelle Sabotage

Dieser Forderung nach Maßnahmen der UNO ging eine Initiative von Frau Zepp-LaRouche im Mai voraus, um solche Notmaßnahmen auf die Tagesordnung der Konferenz der FAO über Ernährungssicherheit Anfang Juni in Rom zu setzen. Trotz Unterstützungserklärungen aus aller Welt für diese Initiative sperrten sich die offiziellen Institutionen - FAO, Weltbank, IWF, UNCTAD etc. Seitdem gab es wiederholt ähnliche Fälle verdächtiger Tatenlosigkeit.

Am 30. Juli wurde in Washington D.C. ein Aktionsplan veröffentlicht, den ein Team des Center for Strategic and international Studies (CSIS) unter der nominellen Leitung der Senatoren Robert E. Casey (Demokrat aus Pennsylvania) und Richard Lugar (Republikaner aus Indiana) für das Establishment ausgearbeitet hatte. Der 14seitige Bericht „Aufruf zu einem strategischen Ansatz der USA gegenüber der weltweiten Nahrungsmittelkrise“ wurde unter Beteiligung der Projektleiter von Oxfam America, CARE USA, Brot für die Welt und des German Marshall Fund erstellt. Josette Sheeran, die Direktorin des WFP, war bei der Vorstellung des Berichtes anwesend. Trotz der sich offensichtlich zuspitzenden Krise forderte diese Gruppe sogar eine noch größere Dosis der falschen Medizin wie der „weisen Verwendung“ von Biotreibstoffen, noch mehr Freihandel durch die Doha-Runde der WTO (die am gleichen Tag abgebrochen wurde), sowie „Studien“, wie man die Nahrungsmittelhilfe „modernisieren“ könne.

Aber weitere Studien sind gar nicht nötig. Das Ausmaß der Krise ist längst lang und breit dargestellt worden, auch wenn es aus den Schlagzeilen herausgehalten wird - beispielsweise vom WFP, dem von der US-Behörde für internationale Entwicklung (USAID) finanzierten Frühwarnsystem, dem globalen Informations- und Frühwarnsystem der FAO und den Regierungen und Botschaften der betroffenen Nationen. Als „Informationen für Entscheidungsträger“ bezeichnet das USAID-Büro im US-Außenministerium den Zweck der Internetseite seines Hunger-Frühwarnsystems, auf der sogar eine detaillierte Karte der weltweiten Hungeraufstände in diesem Jahr zu finden ist. Dir Frage ist nur – wann wird endlich gehandelt?

Hunger in Afrika

Der Bericht des USDA besagt, daß in den untersuchten 70 armen Nationen fast eine Milliarde Menschen nicht genug zu essen hat. Um auf eine Tagesration von 2100 Kalorien zu kommen, wären 44 Mio. t Nahrungsmittelhilfe notwendig, die bei weitem nicht erreicht werden. 85% dieser Milliarde Menschen leben in Afrika. Für 2007 stellte der USDA-Bericht fest, daß mehr als 22 Mio. t benötigt würden, wobei er davon ausgeht, daß die 41 ärmsten Nationen Afrikas 42 Mio. t Nahrungsmittel durch kommerzielle Importe erhalten könnten. Das ist jedoch wegen des sinkenden Angebots auf dem Weltmarkt und der Hyperinflation nicht mehr der Fall. Im Mai beispielsweise hatte die FAO von den voraussichtlich benötigten 38,5 Mio. t Nahrungsmittellieferungen (Importe und Hilfslieferungen) an die 44 von der FAO (in der Datenreihe „Ernteaussichten und Nahrungsmittellage“) beobachteten afrikanischen Staaten (den Staaten mit geringen Einkommen und Nahrungsmitteldefiziten, LIFDC) erst 20 Mio. t auftreiben können.

Gleichzeitig explodieren die Nahrungsmittelpreise. Der Preis von weißem Mais stieg zwischen Juni 2007 und Juni 2008 in Äthiopien um fast 200%. In Somalia sind die Treibstoffpreise allein seit Januar z. T. um 77% angestiegen.

Der USDA-Bericht enthält für jeden dieser afrikanischen Staaten die folgenden Daten: Für die verschiedenen Getreide- und Gemüsearten, wie z.B. Cassava, wird die jeweils verfügbare Menge angegeben, einschließlich der im Land selbst erzeugten Menge, der Importe und der erhaltenen Nahrungsmittelhilfe. Diese Mengen werden in „Getreide-Äquivalente“ umgerechnet. Dann wird, ausgehend von einem angestrebten Verbrauch von 2100 Kalorien, die benötigte Nahrungsmittelmenge für diese Nation und die sich ergebende Differenz errechnet. Dies wird als „Verteilungslücke“ bezeichnet, womit gemeint ist, daß ausreichend Nahrungsmittel bereitgestellt werden müssen, damit sie an alle Teile der Gesellschaft verteilt werden können.

EIR nahm diese Zahlen und nahm dann eine lineare Projektion vor, um festzustellen, was 2008 benötigt würde. Diese ergibt ein Defizit von 23,861 Mio. t  für 2008.

In diesen Zahlen sind jedoch zahlreiche Untertreibungen eingebaut. Erstens arbeitete der Wirtschaftsforschungsdienst nur mit „vorläufigen“ Zahlen und nicht mit den Produktionszahlen, die in den jeweiligen Staaten 2007 tatsächlich erreicht wurden. Zweitens beruhten die Projektionen für die beiden externen Komponenten - die kommerziellen Importe und die Hilfslieferungen - auf „konstanten Werten der Nahrungsmittelhilfe auf dem Niveau von 2004-2006.“ Verwendet man diese sogenannten Trend-Daten, um den künftigen Bedarf zu errechnen, wird die Dynamik der Realität nicht beachtet und damit der Bedarf - aufgrund der Hyperinflation und der Verknappung der Nahrungsmittel seit 2007 - notwendigerweise unterschätzt.

Schließlich geht der Wirtschaftsforschungsdienst von einem Verbrauch von lediglich 2100 Kalorien/Tag aus - und das sind gerade mal zwei Drittel des auf 3500 Kalorien geschätzten Mindestbedarfs, von dem man in den entwickelten Staaten ausgeht, einschließlich eines Anteils von tierischem Protein. Berücksichtigt man diese Untertreibungen, muß man davon ausgehen, daß diese Länder 2007 schwer Not leiden mußten und heute noch größere Not leiden.

Diese Lage verdeutlicht ein Blick auf Tabelle 1. Der Fall der Demokratischen Republik Kongo mit 59 Mio. Einwohnern macht die Notlage des gesamten Kontinents deutlich. Im Durchschnitt ist in diesem riesigen Land pro Person kaum ein Pfund an täglichem Getreide-Äquivalent vorhanden - und das bedeutet für viele den Tod.

Henry Kissingers NSSM 200

Die heutige Notlage Afrikas ist nicht die Folge des Scheiterns, sondern des „Erfolges“ der Politik zur Kontrolle der Nahrungsmittelversorgung in den drei Jahrzehnten der Globalisierung. Das versteht man am leichtesten, wenn man sich auf das Geheimpapier NSSM-200 des damaligen Außenministers und Nationalen Sicherheitsberaters Henry Kissinger vom Dezember 1974 bezieht. In diesem „Memorandum zur Nationalen Sicherheit“, dessen Geheimhaltung 1989 aufgehoben wurde, behauptete der erklärte britische Agent Kissinger, im Interesse der anglo-amerikanischen Politik müsse das Bevölkerungswachstum und die wirtschaftliche Entwicklung in 13 namentlich genannten Staaten der Welt, darunter Nigeria, Äthiopien und Ägypten, unterdrückt werden, damit die knappen Ressourcen dieser Staaten und ihrer Nachbarländer für den Gebrauch der anglo-amerikanischen Interessen „aufbewahrt“ würde. Unter Kissinger und danach wurden Nahrungsmittel als Waffe eingesetzt, sowohl durch Dumping amerikanischer Hilfslieferungen als auch durch Vorenthalten benötigter Hilfe.

Im Lauf dieser Jahrzehnte wurde eine ganze Phalanx öffentlicher Einrichtungen - IWF, Weltbank, UNDP, FAO und andere - dazu genutzt, durch das Verweigern der Entwicklung der Wasser-, Elektrizitäts- und Verkehrsinfrastruktur und des Zugangs zu Saatgut und landwirtschaftlichen Betriebsmitteln technologische Rückständigkeit zu erzwingen. Diese Politik wurde mit dem Begriff „angepaßte Technologie“ beschönigt. Durch manipulierte, ungünstige Handelsbedingungen, räuberische „öffentlich-private Partnerschaften“, den Anbau von „geldbringenden“ Produkten und ähnlichen Dingen wurden die betroffenen Staaten immer weiter ausgeplündert.

Eine besondere Rolle spielte dabei die mörderische „grüne“ Bewegung unter der Führung von Leuten wie Al Gore, und „Spezialisten“ wie die frühere Unterstaatssekretärin für afrikanische Angelegenheiten Susan Rice, die jetzt eine der wichtigsten Beraterinnen von Barack Obama ist. Die Nullwachstums-Anhänger behaupteten in ihrer Argumentation, Kernkraft, Eisenbahnen und Traktoren seien nichts für Afrika, Afrika müsse vielmehr „zurück zur Natur“ gehen. Man dürfe den schwarzen Kontinent nicht durch böse Entwicklungsprogramme „verschmutzen“, sagten die „Grünen“.

Ganz auf dieser Linie rät der USDA-Bericht Afrika sogar, es solle sich „angepaßten“ Biotreibstoffen zuwenden! Über Schwarzafrika heißt es in dem Bericht: „[Sein] Agrarsektor ist mit begrenztem Zugang zu wesentlichen Betriebsmitteln wie Dünger und ertragreichem Saatgut konfrontiert. Wasser ist knapp...“ Aber, argumentiert der Wirtschaftsforschungsdienst, „es gibt genügsame Futtermittel, die in dieser Region für Biotreibstoffe angebaut werden... [und] das Einkommen der Farmen aufbessern könnten...“ Kurz: Die Afrikaner sollen ohne großen Aufwand Rohstoffe für den Export produzieren statt Nahrungsmittel.

Nach 35 Jahren solcher technologischer Apartheid ist die Nahrungsmittelproduktion pro Kopf entsprechend gesunken.

Neben schweren Nahrungsmittelverknappungen hat Afrika heute auch das weltweit niedrigste Niveau an Mechanisierung, Düngemitteln, Bewässerung und anderer Schlüsselfaktoren pro Flächeneinheit.

Im Mai veröffentlichte LPAC die Studie „Weg mit der WTO! Nahrungsmittelproduktion verdoppeln!” (Siehe Neue Solidarität 24/2008.) Der Abschnitt über Afrika beschreibt, wie Lyndon LaRouche schon 1978 eine Studie in Auftrag gegeben hatte, um „die Grundvoraussetzungen für eine Industrialisierung Afrikas“ zu bestimmen, damit es seine Bevölkerung ernähren und eine prosperierende Zukunft haben könne. Ein zentraler Aspekt dieser Studie war der Bau eines transkontinentalen Eisenbahnnetzes, das die afrikanischen Regierungen damals planten und zu bauen hofften. Nun ist es eine Frage von Leben und Tod, diese Pläne wieder ganz oben auf die Tagesordnung zu setzen, um mit der Welternährungskrise umgehen zu können.

Die Lage in Ostafrika

Vier ostafrikanische Staaten - Äthiopien, Eritrea, Somalia und Kenia mit mehr als 130 Millionen Einwohnern - bieten ein trauriges Beispiel dafür, womit die am härtesten betroffenen Regionen Afrikas konfrontiert sind. Die Regierungen in dieser Region wissen, daß Afrika nicht genügend Nahrungsmittel produziert, und daß Spekulanten die Preise der importierten Nahrungsmittel, Treibstoffe und Produkte wie Stickstoffdünger in die Höhe treiben. Eritreas Außenminister Osman Saleh, einer von mehreren Rednern bei der Ministerkonferenz der Blockfreien-Bewegung am 31. Juli und 1. August in Teheran, sagte: „Die künstlichen Preissprünge bei den Energie- und Nahrungsmittelpreisen, die vor allem von Spekulanten angetrieben werden, und die Schwächung des Wertes des US-Dollars haben die Probleme verschärft, vor denen unsere Länder stehen.“

In ganz Ostafrika sind die Preise der Grundnahrungsmittel in die Höhe geschossen, insbesondere in Eritrea. Im Mai war der Preis von Hirse gegenüber Mai 2007 auf das 2,2-fache gestiegen, der Preis von Mais auf das 2,5-fache, und der Preis von Weizen auf das 2,1-fache. In Addis Abeba/Äthiopien lag der Maispreis im April doppelt so hoch wie im April 2007, der Preis von Weizen hat sich in den letzten sechs Monaten ebenfalls verdoppelt. In Nairobi/Kenia lag der Maispreis im Mai beim 1,7-fachen des Vorjahres. Diese Preissteigerungen haben diese Grundnahrungsmittel für viele unerschwinglich gemacht.

Die starken Preiserhöhungen bei Düngemitteln und Treibstoffen in der Region sieht man am Beispiel der Maisbauern in Kenia, die zwei verschiedene Stickstoffdünger miteinander kombinieren. Die Kosten des Einsatzes von Diamonphosphat stiegen von 16 $ pro Hektar im April 2007 auf 40 $/ha Ende April 2008, Kalkamonsalpeter von 8,8 $/ha auf 14,8 $/ha. Im gleichen Zeitraum stiegen auch die Treibstoffkosten, so daß die Kosten für Pflügen und Eggen von 24 $/ha auf 40 $/ha (bei zweimaliger Bearbeitung) angestiegen sind. Die Kosten allein dieser Betriebsmittel (es gibt weitere) sind von 48,8 $/ha auf 94,8 $/ha angestiegen und haben sich in weniger als neun Monaten verdoppelt. Ein kurzer Überblick über die derzeitige Lage in drei dieser vier Staaten - Kenia, Somalia und Äthiopien - zeigt, wie sich die Ernährungslage verschlechterte, seitdem das USDA seine Daten erhoben hat.

Kenia: Heute droht zwischen zwei und sechs Millionen Menschen in Kenia Hunger. Sie werden ab September Hilfslieferungen benötigen, meldete das WFP am 15. Juli in seinem Bericht „Die globalen Krisenherde des Hungers“.

Ein kenianischer Farmer im Bezirk Mount Elgon, der sich keinen Dünger leisten konnte, werde statt 720 kg Mais pro Hektar nur etwa 144 kg ernten, ein Verlust von 80%, meldete die Nachrichtenagentur IRIN am 24. Juli. Kenia produzierte 2007 3 Mio. t Mais, aber einige Experten erwarten für dieses Jahr nur eine Ernte von 2 Mio. t. Kenias Landwirtschaftsministerium schätzt, daß die Maisproduktion in der Saison der „anhaltenden Regen“ in diesem Jahr um 20% geringer ausfallen wird als 2007, berichtete das Globale Informations- und Frühwarnsystem (GIEWS) der FAO am 15. Juli.

Somalia: In Somalia brauchen zwischen 2,6 und 3,5 Mio. Menschen Nahrungsmittelhilfe, das sind 35-50% der Bevölkerung. Die akute Unterernährung von Kindern erreicht in einigen Gebieten 18-24% und liegt somit weit über den 15%, die bereits als akute Notlage gelten. Dies berichteten Hilfsorganisationen Ende Juli. Diese Verzweiflung führte in den letzten Monaten zum Mord an fünf Mitarbeitern von Hilfsorganisationen, als marodierende Milizen ihre Vorräte plünderten. Am 1. August berichtete USAID in seiner Meldung „Komplexe Notlage am Horn von Afrika“, 180.000 Kinder in Somalia seien „akut unterernährt“, ein Anstieg um 11% gegenüber Januar.

In der bereits erwähnten GIEWS-Meldung vom 15. Juli heißt es, die humanitäre Lage in Somalia verschlechtere sich schnell aufgrund der steigenden Nahrungsmittelpreise und der Abwertung der Währung des Landes. Seit Januar seien die Hirse-Preise bereits um 60% angestiegen. Dem Land drohe innerhalb weniger Monate eine „Katastrophe ähnlich der Hungersnot von 1992/93, als Hunderttausende verhungerten“, erklärte Peter Goossens vom WFP am 23. Juli bei einer Pressekonferenz.

Äthiopien: Mehr als 10 Mio. Menschen, 12% der Bevölkerung Äthiopiens, brauchen Nahrungsmittelhilfe - das sind doppelt so viele wie noch im Januar. Davon brauchen 4,6 Mio. unmittelbare Nothilfe, weitere 5,7 Mio., die bereits von Absicherungsprogrammen erfaßt werden, benötigen bis zur Ernte im November zusätzliche Hilfe. Unter den 10 Mio. sind 75.000 akut unterernährte Kinder. Noch im April hatte die Regierung die Zahl derer, die unmittelbare Nothilfe brauchen, auf “nur” 2,6 Mio. geschätzt, betonte die GIEWS-Meldung vom 15. Juli. Das Land habe seine Getreide-Reserven bereits aufgebraucht, um die Hilfsbedürftigen in den Städten zu versorgen.

In den achtziger Jahren starben eine Million Äthiopier. Heute „warten die Äthiopier auf den Regen - oder den Tod“, sagte ein BBC-Korrespondent Mitte Juli.

Der Hintergrund: Dürre und Gewalt

Dürre und politische Gewalt verschlimmern den Hunger noch. In Eritrea lagen die Niederschläge in der Region am nördlichen Roten Meer unter dem Durchschnitt, während sie im zentralen Hochland normal waren. In Äthiopien herrscht in weiten Teilen des Landes eine extreme Dürre. In Kenia waren die Niederschläge im nördlichen Rift Valley und in der Nordwestprovinz sehr gering.

Der Bürgerkrieg in Somalia, auf den die - mit Unterstützung von Tony Blair und US-Vizepräsident Dick Cheney - die äthiopische Invasion im Dezember 2006 folgte, hat Äthiopien geschadet, aber in Somalia eine existentielle Krise herbeigeführt. Tausende Somalier wurden in den Kämpfen getötet, fast eine halbe Million sind aus der Hauptstadt geflohen, und immer noch fliehen Tausende. Die Regierung verdient diese Bezeichnung eigentlich nicht.

Das Bündnis, das Eritrea mit den somalischen Islamisten gegen die bewaffnete Unterstützung Äthiopiens für die nominelle Regierung eingegangen ist, hat die äthiopisch-eritreischen Spannungen verschärft, mit enormen wirtschaftlichen Konsequenzen: Äthiopien, das jetzt von den Meeren abgeschnitten ist, würde sehr profitieren, hätte es über die eritreischen Häfen Zugang zum Roten Meer, aber diese Hoffnung ist durch den somalischen Krieg in weite Ferne gerückt.

Die politische und ethnische Gewalt in Kenia nach der Wahl im Dezember 2007 führte nach Einschätzung der UNO zur Vertreibung von bis zu 600.000 Menschen; 300.000 von ihnen leben in Zeltlagern, der Rest bei Verwandten oder Freunden. Seitdem sind nur wenige in ihre Heimat zurückgekehrt.

Westafrika: der nächste Hunger?

In den 17 Staaten Westafrikas reicht der ungedeckte Nahrungsmittelbedarf nach Einschätzung des USDA von 30,7% in Sierra Leone bis zu 2% in Nigeria (siehe Tab. 1); aber natürlich ist der tatsächliche Bedarf heute höher als nach dieser Schätzung.

Die Aussichten für die lokale Nahrungsmittelproduktion sind schlechter, als es eine Momentaufnahme heute oder in den kommenden sechs Monaten erscheinen lassen würde. Ein Beispiel hierfür ist Nigeria, das auf der Liste der Länder, die Nahrungsmittelhilfe benötigen, gar nicht weit oben steht. Der schnelle Verfall der nigerianischen Infrastruktur macht deutlich, daß ein Land, das heute seine Bevölkerung noch weitgehend selbst ernähren kann, auch wenn sie meistens sehr arm sind, schon bald Hunger leiden könnte. Seit der Rückkehr zur „Demokratie“ 1999 unter Präsident Obasanjo und dessen jetzigem Nachfolger Yar’Adua beherrschen der IWF und die Weltbank mit ihren Konditionalitäten das Land. Die wirtschaftliche Lage ist schlimmer denn je.

85% der 140 Millionen Nigerianer, also fast 120 Millionen, sind arm und haben meist nur 1-2 Dollar pro Tag zur Verfügung. Für die große Mehrheit gibt es keine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Die Stromerzeugung für das nationale Netz liegt offiziell bei bloß 2169 MW, inoffiziell erfuhr EIR, daß sie sogar nur bei 1000 MW liegen soll. Unternehmen und Haushalte haben täglich bloß wenige Stunden Strom zur Verfügung - und das, obwohl Nigeria der achtgrößte Rohölproduzent der Welt ist!

Der von kriminellen Syndikaten unterstützte Guerillakrieg in den öl- und gasproduzierenden Gebieten Nigerias hat den Ölabsatz durch Unterbrechung des Transports und durch Diebstahl um geschätzte 25-50% (500.000 bis 1.000.000 Faß Öl/Tag) reduziert.

In der gegenwärtigen Nahrungsmittelkrise hat Nigeria auf seine zehn strategischen Getreidereserve-Zentren zurückgegriffen, die zusammen 250.000 t Getreide fassen. Aber da die Infrastruktur verfällt, wird es für die Bevölkerung immer schwieriger, diese Reservezentren zu erreichen; und entsprechend schwieriger und teurer wird es auch, diese Reserven wieder aufzufüllen. Die Frage stellt sich, wann es zu einem Zusammenbruch kommt.

Südafrika: Der Fall Simbabwe

In seiner Aufforderung, mehr Hilfe für Simbabwe zu leisten, schätzt das Internationale Rote Kreuz, daß bis Januar 2009 wahrscheinlich 5,1 Millionen Simbabwer Hunger leiden werden - also 45% der Bevölkerung! Das ist nach wie vor eine Folge der britischen Völkermord-Politik: Während die Briten das Land heute durch eine Blockadepolitik destabilisieren, sorgten frühere Konditionalitäten der WTO, des GATT und des IWF dafür, daß dieser ehemalige Brotkorb der Region zerstört wurde. Als Präsident Mugabe sich endlich gegen diese Sabotage wehrte, indem er die großen Farmen, die sich in den Händen der (meist loyal zu Großbritannien haltenden) Weißen befanden, beschlagnahmte und an schwarze Farmer verteilte, begannen die Briten mit wirtschaftlicher und finanzieller Kriegsführung gegen Simbabwe.

Diese vorsätzliche Politik des Völkermords wird von den Medien vertuscht, die behaupten, Ursache der Krise sei Mugabes „Mißmanagement der Wirtschaft“. Sie liefern so den Vorwand für die britische Politik, ihre Marionette Morgan Tswangirai an die Macht zu bringen. Nun leben 80% der Bevölkerung an oder unter der Armutsgrenze, meldet das Rote Kreuz.

            Mary Jane Freeman und David Cherry

Lesen Sie hierzu bitte auch:
Schmutzige Tricks der Briten in Simbabwe
- Neue Solidarität Nr. 27/2008
Weg mit der WTO! Nahrungsmittelproduktion verdoppeln!
- Neue Solidarität Nr. 24/2008
Die britische Destabilisierung Simbabwes: Teil der globalen Chaos-Strategie
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- Neue Solidarität Nr. 42/2007
Zeittafel des britischen Kampfes gegen Simbabwe
- Neue Solidarität Nr. 38/2007
Lösungen für Afrika inmitten der Weltkrise
- Neue Solidarität Nr. 38/2007

 

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