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Neue Solidarität
Nr. 18, 29. April 2015

Energiewende - einmal bekloppt, immer bekloppt?

Vor genau einem Jahr hatte Minister Gabriel seinen hellen Moment, als er beim Besuch des Solarkomponenten-Herstellers SMA am 17. April 2014 in Kassel folgendes sagte:

Sieben Monate später sprach der Direktor der „Denk“-Fabrik „Agora Energiewende“ Dr. Patrick Graichen ganz offen von einer „kollektiven Fehleinschätzung der Gutachterbranche“ und wurde am 4. Dezember 2014 mit folgenden Worten in Die Zeit zitiert: „Wir haben uns geirrt bei der Energiewende. Nicht nur bei ein paar Details, sondern in einem zentralen Punkt. Die vielen neuen Windräder und Solaranlagen, die Deutschland baut, leisten nicht, was wir uns von ihnen versprochen haben. Wir hatten gehofft, daß sie die schmutzigen Kohlekraftwerke ersetzen würden, die schlimmste Quelle von Treibhausgasen. Aber das tun sie nicht.“

Seither ist die Rede vom sogenannten Energiewende-Paradox, von dem angeblich unvorhergesehenen Unglück, daß der nun seit vier Jahren auf Hochtouren laufende Energieumbau Deutschlands das Gegenteil von dem produzierte, was man eigentlich wollte: Der Markt bevorzugte die preiswerteren Kohlekraftwerke und beförderte die besseren, aber auch teureren Gaskraftwerke in die Pleite. Das Klimaziel ist verfehlt, der Anspruch Klimarettung im Eimer, die CO2-Emissionen steigen, die Blamage ist perfekt. Aber nicht nur der Umweltschutz ist im Eimer. Erst recht sind die beiden anderen Pfeiler einstmals kompetenter Energiewirtschaft in gefährlicher Schieflage: Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit.

Was die Versorgungssicherheit angeht, erzeugt jede extreme Wetterlage die Gefahr eines Blackouts und damit die Notwendigkeit von Kriseninterventionen, deren Zahl von etwa 10 im Jahr 2000 jetzt auf mehr als 3000 im Jahr 2014 angestiegen ist. Von Wirtschaftlichkeit kann keine Rede mehr sein. Im Jahr 2000 betrug der durchschnittliche Strompreis für deutsche Haushalte etwa 14 Cent pro Kilowattstunde, heute liegt dieser Preis bei 29 Cent. Die Gesamtbelastung einschließlich Steuern und Abgaben lag im Jahr 2000 bei knapp sieben Milliarden Euro, heute dagegen bei 35 Milliarden.

Wenn man schon öffentlich zugeben muß, daß man sich so gründlich geirrt hat, dann wäre es doch ganz normal, daraus die Konsequenzen zur sofortigen Umkehr zu ziehen. Das Problem ist aber, daß hier so gut wie nichts normal ist. Warum nicht?

Weil wir es mit ideologischen Geisterfahrern zu tun haben, mit Leuten, denen Wissenschaft ein Fremdwort ist. Ginge es wirklich um die Reduktion von CO2-Emissionen, dann wären ja gerade Kernkraftwerke das allerbeste. Hier geht es aber um die irrationale Erfindung eines menschengemachten Klimawandels und andere erfundene Behauptungen. Ideologen geht es überhaupt nur darum, daß die Glaubensformeln überleben - möglichst länger als die Wirtschaft und selbst dann, wenn der Irrtum schon sichtbar ist.

Für diese Haltung ganz typisch ist die jüngste Kurzschlußreaktion von Minister Gabriel auf die Schlappe mit dem verfehlten Klimaziel: Um der Blamage zu entgehen, verordnete er kurzerhand eine Klima-Strafabgabe für ältere Braunkohlekraftwerke, wohl wissend, daß damit mehrere Zehntausende von Arbeitsplätzen auf dem Spiel stehen, dazu ein wirtschaftlicher Teil des Kraftwerkparks und vielleicht insgesamt der letzte heimische Energieträger.

Solche Entscheidungen sind mittlerweile notorisch. Gerade mal vier Monate nach Gabriels Kasseler Geständnis veröffentlichte sein Ministerium im August 2014 ein Papier, in welchem er forsch verkündet, sie hätten jetzt die Nachteile der Energiewende - einfach gestrichen.

Einfach war es schon deshalb, weil nur Nebensächliches auf den Prüfstand kam. Daß die kollektive Fehleinschätzung in der von vornherein irrigen Annahme liegt, daß Wind- und Sonnenenergie im Gegensatz zu Kernkraftwerken beherrschbar seien, kam natürlich keinem der ministerialen Experten überhaupt in den Sinn. Also machte das Ministerium lediglich ein paar Abstriche bei den ohnehin üppigen Subventionen für Neuanlagen und beim Zubau von Biomasse und erklärte: Nun sei alles planbar, berechenbar und sicher, der Siegeszug des „weltweit beachteten Projekts“ sei nun möglich.

Zwei Monate später, im August 2014 erschien dann das „Grünbuch“ mit dem Titel Ein Strommarkt für die Energiewende, ein mit Sicherheit vorläufiger Höhepunkt ökologischer Phantasterei, wie wir gleich sehen werden. Gleich anfangs steht die bemerkenswerte Aussage, daß die Bundesregierung die Aufgabe allein nicht lösen könne, weshalb nun alle aufgerufen seien, diese große Chance zur Modernisierung der deutschen Energieversorgung zum Erfolg zu führen. Auch hier wieder: Die zunehmenden Schwierigkeiten mit der Energiewende liegen nicht am weiterhin geplanten Ausbau von Windrädern und Solaranlagen, sondern an was ganz anderem. Was fehle, sei ein neues Strommarkt-Design, eine Synchronisierung aller Akteure.

Die zur Diskussion aufgerufenen Industrievertreter, Verbände und Gewerkschaften haben, wie immer, die ideologischen Vorgaben widerspruchslos akzeptiert. Sie haben nicht nur nichts unternommen, was einen heilsamen Realitätsschock hätte herbeiführen können, sondern sie haben fast ausnahmslos dazu beigetragen, ein in mehrfacher Hinsicht aussichtsloses Unternehmen auf diesem Kurs zu halten. Dabei kann es eigentlich nicht sein, daß die Mehrheit der in der Industrie Tätigen und hoffentlich noch denkenden Leute nicht mehr imstande sein sollte, den haarsträubenden Unsinn, der schon in der Einleitung serviert und dann noch mehrfach wiederholt wird, als solchen zu erkennen.

Zitat auf Seite 6: „Bis zum Ende des Jahres 2022 werden rund 12 Gigawatt Kernkraftwerksleistung in Deutschland vom Netz gehen. Gleichzeitig bewegen wir uns von einem Stromsystem, in dem regelbare Kraftwerke der Stromnachfrage folgen, zu einem insgesamt effizienten Stromsystem, in dem flexible Erzeuger, flexible Verbraucher und Speicher auf das fluktuierende Dargebot aus Wind und Sonne reagieren. Neue erneuerbare Energien-Anlagen müssen dabei dieselbe Verantwortung für das Gesamtsystem übernehmen wie konventionelle Kraftwerke.“

Einfach peinlich. Der Ideologie nach sind Windräder besser, weil nicht regelbar und effizienter, weil sie manchmal an und manchmal aus sind. Also flexibler, weil unberechenbar. Oder, vielleicht unberechenbar flexibel. Deshalb besser. Auch ein flexibler Verbraucher ist besser, weil er seine Wäsche wäscht, wenn der Wind weht. Darüber hinaus muß diese Technik, gerade weil sie manchmal in Betrieb und manchmal nicht in Betrieb ist, und das noch unberechenbar, dieselbe Verantwortung für das Gesamtsystem übernehmen. Genau wie konventionelle Kraftwerke.

Bemerken Sie die Geisterfahrer in Gabriels Ministerium? Falls wir uns nicht weiterhin vor aller Welt blamieren wollen, müssen wir schnellstens rückgängig machen, was uns vor 15 Jahren auf diesen Holzweg brachte.

Das einschneidende Ereignis war der Entschluß zur Einführung des sogenannten „Erneuerbare Energien Gesetzes“ (EEG) aus dem Jahr 2000. Damals wurde entschieden, unsere Stromversorgung vom Wetter abhängig zu machen. Erst 10 Prozent, dann 20 Prozent bis hin zu geplanten 80 Prozent. Das ist der Kern des ideologischen Wahnsinns. Das ist es, was der Rest der Welt mit recht für bekloppt hält. Deutschland hat ein optimal funktionierendes Energiesystem aufgegeben, nur um dem Wettergott zu opfern. Anfänglich Milliarden für die Subventionen, dann Milliarden für die Folgekosten - und kein Ende in Sicht.

Welcher durchschnittlich begabte Mensch wird folgenden Zusammenhang nicht verstehen: Selbst wenn wir unseren gesamten Strombedarf theoretisch mit Wind- und Sonnenenergie decken könnten, müßten immer noch über 30% der Leistung aus konventionellen Kraftwerken erzeugt werden, weil die Stabilität des Versorgungsnetzes ausschließlich durch konventionelle 50-Hz-Kraftwerke gewährleistet werden kann. Wollen wir weder einen Teil unserer Bevölkerung umbringen noch unsere Industrie ruinieren, dann werden wir immer auf dieses 50-Hz-Netz aus konventionellen Kraftwerken zurückgreifen müssen, egal wie viel Ökostrom das Wetter gelegentlich zu produzieren erlaubt.

Heute schon, bei einem Anteil wetterabhängiger Technik von ca. 25%, hängt die Koordination der Stromversorgung bereits am Wetterdienst - und jedes Kind weiß, wie verläßlich der ist. Synchronisierung des Strommarktes ist das neue Schlagwort. Dieses zentrale Instrument besteht aus einem ganzen Stab von Bilanzkreisverantwortlichen, die rund um die Uhr arbeiten und einen wirklich schwierigen Job haben. Sie melden im Rahmen der Fahrplananmeldung für jede Viertelstunde des Folgetages an, wie viel Strom sie mit welcher Erzeugungsanlage in das Netz einspeisen oder an welchem Netzanschlußpunkt sie Strom aus dem Netz entnehmen wollen. Da Ökostrom immer Vorfahrt hat, jedoch unklar ist, ob und wie der Wind am nächsten Tag wehen wird oder die Sonne scheint, wird dieser verantwortungsvolle Job zum Lottospiel.

Aber auch dafür gibt es eine Lösung. Der Minister ist sich sicher, daß sich hier ein ganz neuer Markt entwickeln wird, in dem alle wetterabhängigen Spieler um „Flexibilitätsoptionen“ feilschen werden.

Es ist vorauszusehen, daß alle jetzt schon vorhandenen Probleme mit steigendem Anteil an wetterabhängiger Technik sich potenzieren werden - und daß alles, sowohl Versorgungssicherheit als auch Wirtschaftlichkeit als auch Umweltschutz, auf der Strecke bleibt. Die fixe Idee, daß Marktjongleure retten könnten, was lange vorher von Sachunkundigen in den Sand gesetzt wurde, entspricht zwar dem Zeitgeist, wird aber nicht funktionieren. Unsere Industrie, die das Resultat wissenschaftlichen Forschens aus mehr als 200 Jahren ist, hat unter der Führung ideologischer Geisterfahrer keine Chance. Es ist höchste Zeit, daß Industrieverbände aufhören, sich diesem Irrsinn zu beugen. Es gibt nur einen Ausweg: Wir müssen endlich aufhören, bekloppt zu sein.

Andrea Andromidas