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Neue Solidarität
Nr. 32, 10. August 2011

Wassertransfer vom Kongo zum Tschad: das Transaqua-Projekt

Von Dr. Marcello Vichi,
ehemaliger Direktor der Bonifica (IRI Group)

Der Ingenieur Marcello Vichi berichtete auf der Rüsselsheimer Konferenz des Schiller-Instituts am 2.-3. Juli über seinen dreißigjährigen Einsatz für das Transaqua-Projekt. Zu Beginn seines Vortrages zeigte er einen kurzen Film aus den achtziger Jahren, mit dem für das Transaqua-Projekt geworben wurde.

Ich möchte Ihnen eine dreißig Jahre alte Geschichte erzählen, die seit dreißig Jahren nicht vorankommt, trotz aller Initiativen, die zur Verwirklichung unternommen wurden: Transaqua. Zunächst einmal sollte ich das Thema präzisieren, damit Sie die Dimensionen des Problems kennen.

Transaqua, die Idee, Wasser aus dem Becken des Kongoflusses in das Becken des Tschadsees hinüberzuleiten, entstand aus einem Vergleich dieser beiden aneinandergrenzenden Einzugsgebiete und der jeweiligen Besonderheiten des Wassers und Klimas. Das „Aneinandergrenzen“ ist dabei in den Dimensionen eines Kontinents wie Afrika zu verstehen.

Auf beiden Seiten des Äquators, ungefähr zwischen 8° nördlicher Breite und etwa 12° südlicher Breite, liegt das größte Flußbecken Afrikas, das weltweit zweitgrößte nach dem Amazonas. Es ist ein beeindruckendes natürliches Amphitheater mit 3.690.000 Quadratkilometern Fläche - das Zwölffache der Fläche Italiens, mehr als das Zehnfache der Fläche Deutschlands und fast 90mal so groß wie die Schweiz.

Dieses majestätische Einzugsbecken nimmt das gesamte Wasser der beiden Hauptländer auf, die es umfaßt, also die beiden Kongo-Republiken, sowie Teile des Wassers der angrenzenden Staaten, das sind die Zentralafrikanische Republik, Kamerun, Angola, Sambia, Tansania, Burundi und Ruanda. Seine geographische Lage beiderseits des Äquators und seine gewaltigen territorialen Dimensionen bringen es mit sich, daß die Wasserführung des Kongo relativ wenig jahreszeitlichen Schwankungen unterworfen ist. Die jährliche Wasserführung des Kongo an seiner Mündung schwankt zwischen etwa 42.000 Mrd. m³ und etwa 60.000 Mrd. m³ Wasser, die in den Atlantischen Ozean abfließen.

Ende der siebziger Jahre entstand die Idee, einen angemessenen Teil dieser Abermilliarden Kubikmeter in das Becken des Tschadsees umzuleiten. Schon damals zeigte sich deutlich die alarmierende Tendenz, daß der Tschadsee stark unter der in der gesamten Sahelzone herrschenden Dürre litt. In den Regenzeiten erreichte er wegen der verringerten Wasserführung seiner Zuflüsse Tschari und Logone nicht mehr die Dimensionen der vergangenen Jahre. Schon damals war klar, welche Ursachen dazu beitrugen: abnehmende Niederschläge, ansteigende Temperaturen und damit mehr Verdunstung, sowie der steigende Wasserverbrauch der Bevölkerung in der Region.

Schließlich wurde deutlich, daß die Umleitung einer größeren Wassermenge vom Kongo (den man damals Zaire nannte) zum Tschadsee die einzige Möglichkeit wäre, dem drastischen Schrumpfen der Fläche des Sees - die sich Ende der siebziger Jahre gegenüber dem vorherigen Jahrzehnt schon halbiert hatte - entgegenzuwirken.

Um ehrlich zu sein, erschien das damals gar nicht als eine besonders großartige Idee, sondern einfach als eine offensichtliche. Es ging nur darum, der Natur ein wenig nachzuhelfen, da sie in ungefähr tausend Kilometern Entfernung Bedingungen geschaffen hatte, die auf der einen Seite Millionen Bauern und Hirten zwangen, ihre Lebensziele zurückzustecken, und auf der anderen Seite eine der größten Verschwendungen von Süßwasser auf der Welt zuließen.

Man brauchte für die „Idee“ nur noch eine vorläufige Machbarkeitsstudie, vor allem in technischer Hinsicht: Ob es möglich wäre, mit einem künstlichen Kanal einen Teil des Wassers der rechten Zuflüsse des Kongo aufzufangen, und dieses Wasser durch diesen Kanal über die Wasserscheide zwischen Kongo und Tschad in der Zentralafrikanischen Republik zu transportieren und in den Oberlauf eines der beiden Hauptzuflüsse des Tschadsees - entweder des Bamingui-Tschari oder des Logone - zu leiten.

Die vorläufige Untersuchung basierte auf den damals existierenden Landkarten mit einem Maßstab von eins zu einer Million, die die US-Luftwaffe erstellt hatte. Für junge Menschen heute mag das fast unglaublich klingen, aber damals Ende der 70er Jahre war es nicht einfach, im Gebiet zwischen Äquator und Sahel auch nur solche Vorstudien einigermaßen zuverlässig zu erstellen. Verläßliche Karten und hydrologische Daten waren selten; mit den Satelliten hatte man gerade erst angefangen, aber die waren militärisch, nicht zivil; es gab keine Mobiltelefone zu kaufen, und die Funkgeräte, die man verwendete, hatten nur eine begrenzte Reichweite; kein Mensch dachte damals schon an so etwas wie das Internet.

Es erforderte sehr viel Entschlossenheit und große Begeisterung. Vor allem brauchte es die feste, unzweifelhafte Überzeugung, daß Afrika niemals auf die Beine kommen würde, solange eine solide Infrastruktur im kontinentalen Maßstab fehlte, und daß diese nur durch drastische, entschlossene Eingriffe geschaffen werden konnte, wenn die afrikanischen Nationen es verlangen und die westlichen Länder es unterstützen.

Unsere Expertengruppe war fest davon überzeugt, daß man mit der Politik vieler kleiner, willkürlicher Eingriffe keines der schwerwiegenden Probleme Afrikas wirklich lösen könnte - damit könnten die Menschen nur gerade so ihr Dasein fristen und Notlagen überstehen. Das ist zwar besser als nichts, aber um den Kontinent zu entwickeln, mußte man „groß denken“ - ich nannte es „Projekt-Megalomanie“, als Gegensatz zu Kurzsichtigkeit, Gleichgültigkeit und Geiz, die schon immer die typische Reaktion auf große internationale Infrastrukturpläne für Afrika gewesen sind.

Der vielfältige Nutzen des Projekts

Trotz großer praktischer und politischer Hindernisse konnten wir mit Unterstützung der Firma Bonifica, des Italstat-Konzerns (der Holdinggesellschaft des früheren Staatskonzerns IRI) und mit dem gehörigen Enthusiasmus diese Untersuchung abschließen. Wir formulierten den Vorschlag eines künstlichen Kanals, der in der Region Kivu (in ungefähr 2° südlicher Breite) beginnen und die Kongo-Tschad-Wasserscheide (in ungefähr 8° nördlicher Breite) etwa am Südende des Bamingui-Tschari-Beckens, dem wichtigsten Zufluß des Tschadsees, erreichen würde.

Auf seinem etwa 2400 km langen Weg, der von Süd nach Nord dem Weg des geringsten Gefälles folgt, würde dieser Kanal sämtliche rechten Nebenflüsse des Kongo an deren Oberläufen kreuzen und so Wasser aus dem nordöstlichen Teil des Kongobeckens in dessen Grenzgebiet zu Burundi, Ruanda, Uganda und Sudan aufnehmen.

Der Plan war und ist, etwa 3000 m³ Trinkwasser pro Sekunde in den Tschadsee zu leiten, was einer Wassermenge von etwa 100 Mrd. m³ pro Jahr entspricht. Damit würde dem Kongo nur 6-8% seiner Wasserführung entzogen, aber gleichzeitig entstünde ein großer Kanal mit der anderthalbfachen Wassermenge des Nils bei Assuan.

Während des „Falls“ zum Tschadsee könnte diese Wassermasse rund 30 Mrd. kWh Strom erzeugen (wenn man von einer Wassermenge von 100 Mrd. m³ ausgeht), davon zwei Drittel in der Zentralafrikanischen Republik und ein Drittel im Tschad. Wenn die früheren Dimensionen des Tschadsees wiederhergestellt sind (20.000-25.000 km² Oberfläche), könnte man das dann verfügbare Wasser zur Bewässerung von etwa 3 Mio. Hektar Land und zur Unterstützung der land- und viehwirtschaftlichen Entwicklung eines riesigen Gebietes verwenden - insbesondere im Tschad, aber auch in Nigeria und Kamerun sowie in der Zentralafrikanischen Republik entlang des Bamingui. Man könnte dadurch insgesamt etwa 50.000 km² Landfläche bebauen - ein Sechstel der Fläche Italiens.

Zusätzlich zum Transport dieser beträchtlichen Wassermenge in den Tschad könnte dieser Kanal eine weitere wichtige und keineswegs marginale Funktion erfüllen: Er wäre ein Wasserweg für Fracht - und wir wissen, daß das die bequemste Transportmethode ist. Etwa 800 km dieser 2400 km langen „Wasserautobahn“ im Herzen Afrikas befänden sich in der Zentralafrikanischen Republik, 1600 km auf dem Territorium des Kongo. Beiderseits dieser Wasserstraße gäbe es Betriebswege für die Rodung der bewaldeten Gebiete und den Kanalbau, und später nach der Fertigstellung für die Instandhaltung.

Entlang dieser Straßen könnte „stromaufwärts“, d.h. von Nord nach Süd, eine Hochspannungsleitung geführt werden, u.a. gespeist aus den 30 Mrd. kWh Strom jährlich, die entlang des „Gefälles“ des mit dem Kanal umgeleiteten Wassers zum Tschadsee erzeugt werden. Diese Stromleitung könnte das gesamte Gebiet des Kanals auf den 2400 km Länge versorgen. Außerdem gäbe es Landestellen an den Kreuzungspunkten des Kanals mit den Nebenflüssen des Kongo. Die Nutzfläche für Ackerbau und Viehzucht, die von einem solchen Infrastrukturprojekt profitierte, umfaßt schätzungsweise 100.000 km², und der allgemeine soziale und wirtschaftliche Einflußbereich könnte eine Fläche größer als Deutschland einschließen. In einem riesigen geographischen Gebiet, mit der Kivu-Region und dem Oberen Kongo in der Demokratischen Republik Kongo sowie den Regionen am Oberen Mbomo und Oberen Kotto in der Zentralafrikanischen Republik, herrschte und herrscht heute noch ein dramatischer Mangel an der elementarsten und grundlegendsten Infrastruktur, insbesondere Fernstraßen, die diesen Namen verdienen.

Am Nordende des Kanals, auf dem Territorium der Zentralafrikanischen Republik, nahe der Kongo-Tschad-Wasserscheide auf der Höhe des Oberlaufs des Bamingui, ist ein großer künstlicher See geplant, in dem das Wasser aus dem Kanal gesammelt werden soll, um es für das erste Wasserkraftwerk des Systems zu nutzen, bevor es nach Norden zum Tschadsee fließt. An den Ufern dieses künstlichen Sees entstünde ein sogenanntes „Interafrikanisches polyfunktionales Handelsgebiet“ (ASPI) in einer Region, die von einem Ost-West-Straßen-Korridor, der die beiden Seehäfen Mombasa und Lagos miteinander verbindet, gekreuzt wird. Diese Straße existierte damals zum Teil schon, sie mußte nur fertiggestellt und an die wesentlichen Anforderungen einer „transkontinentalen Autobahn“ vom Atlantischen bis zum Indischen Ozean angepaßt werden.

Dieses ASPI kann durch eine einfache Straßenverbindung mit dem Binnenhafen Bangui und über diesen Hafen per Fluß mit Brazzaville und Kinshasa verbunden werden. Es könnte ein wichtiges Industriegebiet werden, spezialisiert auf den Agrar- und Lebensmittelsektor, wo die Produkte aus der Land- und Viehwirtschaft in den neu aufgewerteten Agrarregionen des Kongo und Zentralafrikas sowie aus der erweiterten und modernisierten Bergbauregion am Oberen Kotto verarbeitet werden. Das ASPI läge im Zentrum des Wasser- und Straßennetzes und wäre damit der erste große Binnenhafen in strategischer Lage auf dem afrikanischen Kontinent, der auch für den Containerumschlag ausgerüstet wäre. Es wäre ein Industrie- und Verarbeitungszentrum und ein großes Handelszentrum für den Import von Produktionsanlagen und die Verteilung afrikanischer agro-industrieller Produkte in andere afrikanische Länder, zu den Seehäfen Lagos und Mombasa sowie durch den Ausbau der Trans-Sahara-Fernstraße Lagos-Algier und die in neuerer Zeit geplante „Wüstenstraße“ N’Djamena-Tripolis auch zu den Mittelmeerhäfen Algier und Tripolis.

Dieses große Wasser- und Straßenverkehrsnetz ist nicht nur aus dem offensichtlichen Grund der allgemeinen Entwicklung notwendig, sondern speziell auch für die Vermarktung afrikanischer Produkte und ihren Export auf ausländische Märkte. Man geht davon aus, daß die landwirtschaftlichen Nutzflächen - wie schon gesagt, können vor allem in der trockenen Sahelzone bis zu 3 Mio.ha kultiviert werden - im günstigsten Fall eine Landwirtschaft wie am Nil zulassen, wo bis zu drei Ernten im Jahr möglich sind. (Die etwa 80 Millionen Ägypter leben auf nur etwas mehr als 3,5 Mio.ha Land).

Die land- und viehwirtschaftliche Erzeugung, die aufgrund dieser riesigen Bewässerungsmaßnahmen möglich würde, wäre so reichlich, daß es unsinnig wäre, nur für die örtliche Bevölkerung und nicht auch für den Export auf andere Märkte zu produzieren. Nimmt man noch die zu erwartende agro-industrielle Produktion aus der ASPI hinzu, so wäre es unsinnig, alle diese land- und viehwirtschaftlichen und agroindustriellen Produkte herzustellen, ohne ein effizientes Verkehrsnetz für ihre Vermarktung im übrigen Afrika und außerhalb Afrikas zu schaffen. Die Schaffung und Optimierung dieses Netzes sollte mit dem Bau des Kanals Hand in Hand gehen.

Vorstöße zur Verwirklichung

Das ganze nannten wir „Transaqua - eine Idee für den Sahel“. Dieser einfache Name enthält eine Synthese der beiden grundlegenden Elemente: Rettung des Tschadsees durch einen großangelegten Wassertransfer, und ein internationales Wasser- und Straßenverkehrsnetz.

Zwischen 1982 und 1985 wurden drei Dokumente in drei Sprachen veröffentlicht und an alle von dieser „Idee“ unmittelbar berührten afrikanischen Länder verteilt. Diese unter der Schirmherrschaft von Bonifica, IRI und Italstat vorgelegten technischen Werbeschriften wurden auch den internationalen Beratergremien zugesandt. Insbesondere italienische Entwicklungshilfeprogramme wurden kontaktiert und gebeten, die Verifizierung der Idee durch die Finanzierung einer ersten Machbarkeits-Vorstudie zu unterstützen.

Es gab noch weitere Initiativen, um Aufmerksamkeit für die Idee zu schaffen. Eine war die Unterstützung des Projekts durch Dr. Bukar Shaib - wenn ich mich richtig erinnere, war er 1988 Präsident der Tschadsee-Kommission -, der im italienischen Fernsehen erklärte, Transaqua sei „das einzige Projekt, das den Tschadsee retten kann“. Es gab ein Angebot an das japanische Unternehmen Nippon Koei, bei der Entwicklung des Projektes zusammenzuarbeiten, und IRI selbst versuchte zur Zeit der „2. Weltkonferenz für Entwicklung“, die 1992 in Rio de Janeiro stattfand, erneutes Interesse an Transaqua zu wecken. Trotz dieser Bemühungen und weiterer Initiativen der damals größten Unternehmensgruppe Italiens gab es keine nennenswerten Reaktionen. Tatsächlich herrschte eher Skepsis und Gleichgültigkeit als Widerstand, aus der tief verwurzelten, allgemeinen Überzeugung heraus, die „Idee“ sei einfach überdimensioniert, zu ehrgeizig, zu teuer und daher inakzeptabel.

Eine Kostenschätzung für Transaqua - eine ziemlich willkürliche, da sie sich nicht auf eine Machbarkeitsstudie stützte - ergab damals eine Investition zwischen 30 und 40 Mrd. Dollar, worin die zahlreichen unvermeidlichen Skeptiker eine übergroße, nicht hinnehmbare Belastung sahen.

Seit 30 Jahren haben sich diese Reaktionen auf die „Idee“ nicht geändert. Was die größte Baustelle der Welt geworden wäre - falls eine Machbarkeitsstudie zu einem positiven Ergebnis gelangt wäre -, mit Abermillionen Arbeitstagen und ganzen Generationen von afrikanischen Arbeitern und Angestellten, Technikern und Managern, und mit wirtschaftlichen Anstößen für ein Drittel des afrikanischen Kontinents, kam nie über den Status der bloßen „Idee“ hinaus. Nicht einmal eine Vorstudie wurde durchgeführt.

Die politischen Ereignisse 1993 in Italien überrollten Bonifica, Italstat und IRI, innerhalb weniger Monate verschwanden sie von der wirtschaftlichen Szene Italiens. Und die Idee - blieb eine Idee!

Ich habe die Skepsis, die jeden möglichen Fortschritt in Bezug auf Transaqua blockierte, niemals akzeptiert. 2001 warb ich weiter für die „Idee“ und versuchte, die libyschen Behörden dafür zu interessieren. Diese bauten damals die größte unterirdische Wasserleitung der Welt, die täglich 6 Mio. m³ Wasser aus den fossilen Grundwasservorkommen des Landes in der Sahara in die Küstenregionen bringen sollte - den sogenannten „Großen menschengemachten Fluß“ (GMR), den die Weltpresse das „achte Weltwunder“ nannte.

Die Entnahme des Wassers aus den nicht erneuerbaren fossilen Grundwasserschichten löste aber in den Nachbarländern Besorgnis aus. Speziell fürchtete man, ein intensives Abpumpen von Wasser aus den Kufra-, Tazirbu- und Sarir-Becken, die sich vom Tschad bis Ägypten und Sudan erstrecken, könnte die Wasserführung in den Grundwasserschichten in Ägypten und im Sudan beeinträchtigen. Darüber hinaus waren sich die Hydrologen nicht einig, wie groß die Grundwasservorkommen sind und wie lange sie reichen würden, was entscheidend dafür ist, wieviel Wasser Libyen tatsächlich künftig entnehmen könnte. Einige sprachen von 50 bis 100 Jahren, andere vermuteten, es wäre weit weniger. Tatsächlich sahen die libyschen Pläne neben der Wasserversorgung der Bevölkerung und der Industrie auch eine umfassende Bewässerung vor. Es wäre von großem Nutzen für die Bevölkerung, die in den Küstengebieten konzentriert ist, wo man wegen der allmählichen Versalzung auf Dauer kein Grundwasser mehr entnehmen kann.

Es war die Rede davon, zunächst 150.000 Hektar Land zusätzlich zu bewässern, wodurch Libyen Selbstversorger mit Nahrungsmitteln werden könnte. Aber mit einer Absenkung des Grundwassers bestand auch das Risiko einer Verschlechterung bei seinem Salzgehalt.

Mit Hilfe einiger Freunde mit guten Kontakten zur libyschen Regierung wurde ein Plan entworfen, wie man, ausgehend von der Annahme, daß der Tschadsee künftig wieder aufgefüllt wäre, das Kufra-Grundwasserlager wieder auffüllen könnte. Diese Erweiterung der Transaqua-Idee erhielt den Namen „Interafrika“, und der libyschen Regierung wurde eine technische Werbeschrift in englischer und arabischer Sprache übergeben. Ein gesteigertes Interesse an Transaqua von Gaddafis Seite wäre sehr nützlich gewesen, angesichts der Effizienz und Entschlossenheit, die er bei der sehr schnellen Umsetzung des grandiosen GMR-Projektes gezeigt hatte: Es wurde Ende der achtziger Jahre konzipiert, die erste und zweite Stufe begann schon 1991, und die Fertigstellung wurde für 2007 erwartet.

Gaddafi sollte bewegt werden, zusammen mit den an Transaqua interessierten afrikanischen Ländern die Bildung einer Geldgebergruppe zu fördern, die das Transaqua-Interafrika-Projekt aufgreift. Das wäre eine Gelegenheit, auf kontinentaler Ebene für das Projekt zu intervenieren, indem man Konsortien europäischer und afrikanischer Unternehmen für die Durchführung der Bauarbeiten und den späteren Betrieb bildet.

Außerdem war Libyen nicht nur ein Partner mit besonders reichlichen finanziellen Mitteln und mit einem besonderen Interesse an dem Problem des Wassers in der Sahara, es hatte auch Beobachterstatus in der Tschadsee-Kommission, der es einige Jahre später als Vollmitglied beitrat.

Einige Jahre später machte die afrikanische Organisation NEPAD, die „Neue Partnerschaft für die Entwicklung Afrikas“, ein Angebot für eine Partnerschaft bei der Projektleitung und -verwaltung. Während des G8-Gipfels in Genua schlug sie vor, daß westliche Unternehmen und Finanzinstitute in einer „strategischen Vision für die Wiedergeburt Afrikas“ als Partner beim Bau großer, kontinentaler Verkehrsinfrastruktur und der optimalen Nutzung des Wassers agieren sollten.

Aber auch die libysche Initiative faßte nicht Fuß.

Das falsche Argument „zu teuer“

Seit 30 Jahren frage ich mich, warum nicht ein einziger Dollar ausgegeben wurde, um die Machbarkeit von Transaqua zu prüfen. Noch heute gilt es als eine phantastische und überdimensionierte Idee, und vor allem so teuer, daß der Plan es nicht einmal wert ist, die Machbarkeit zu prüfen. Es wurde und wird bedenkenlos mit Meinungen und finanziellen Schätzungen um sich geworfen, so als ginge es darum, die Rentabilität eines Bewässerungsprojektes von 1000 Hektar zu berechnen. Niemand denkt daran, daß der Transaqua-Vorschlag den enorm großen Dimensionen der ungelösten Probleme des afrikanischen Kontinents entspricht.

Die verschiedenen internationalen Experten, die sich ereifern und das Transaqua-Projekt in finanzieller Hinsicht kritisieren, haben nie daran gedacht, den wichtigsten Aspekt des Projektes zu prüfen - nämlich seine technische Durchführbarkeit. So kritisieren sie die Kosten von etwas, was gar nicht existiert, während wir seit 30 Jahren eine erste technische Vorstudie fordern, die überhaupt die physischen Voraussetzungen des Projektes - die Höhen, den geographischen Verlauf, das Gefälle, die Dimensionen etc. - feststellt.

„Es kostet zuviel!“ Als gäbe es Projekte, die „zuviel kosten“, und solche, die „wenig kosten“, und nicht einfach Projekte, die durchführbar und praktisch sind, und solche, die undurchführbar und unpraktisch sind.

„Phantasterei, zu teuer!“ Eine Studie im Auftrag von drei internationalen Organisationen - Oxfam, Saferworld und International Action Network -, die kürzlich in einem internationalen Bericht erschien, hat ergeben, daß in den letzten 15 Jahren in 23 der mehr als 50 Staaten Afrikas insgesamt 284 Milliarden Dollar für Konflikte ausgegeben wurden. In dieser Zahl, 284 Mrd.$, sind nur die Zerstörungen sowie die Kosten der Versorgung der Verwundeten und der Flüchtlinge gerechnet. Es gibt weitere Kosten, die nicht darin enthalten sind - der Verwaltungsaufwand für die Flüchtlinge, die Behinderung des Handels und die politische Instabilität. Es gab also in den von der Studie erfaßten 15 Jahren in diesen 23 afrikanischen Staaten etwa 300 Mrd.$ an „direkten Kosten“: Das sind 20 Mrd. $ jährlich zwischen 1990 und 2005. Und diese Studie berücksichtigt nicht die „Kollateralschäden“ der Konflikte wie die Verdoppelung der Kindersterblichkeit, Zunahme von Unterernährung, Sinken der Lebenserwartung, deutliche Zunahme der Analphabetenrate unter den Erwachsenen etc. Alle diese Elemente sind real, keine bloße Theorie, und sie lassen sich auch in Dollars messen, wenn die Sozioökonomen, die sie untersuchen, ein entsprechendes kulturelles Niveau und professionelle Fähigkeiten haben. Man kann sicher sein, daß diese Kosten seit 2005 weiter gestiegen sind.

Ich möchte an dieser Stelle eine einfache Hypothese aufstellen. Stellen wir uns vor, daß in den achtziger Jahre alle Aspekte von Transaqua untersucht worden wären - Geopolitik, Geographie, Hydraulik, Klima, die sozialen und wirtschaftlichen Aspekte etc. - und daß man das Projekt für durchführbar befunden hätte. Stellen wir uns weiter vor, daß man es nach dieser Feststellung geschafft hätte, 10% der Kosten der Konflikte, also „nur“ 2 Mrd.$ pro Jahr, in dieses Projekt umzuleiten. Dann hätten wir heute, nach 20 Jahren, eine Kette riesiger pulsierender Baustellen auf interafrikanischer Ebene.

Trotz allem glaube ich, daß das beharrliche Werben für Transaqua doch eine Wirkung hatte: das Konzept des „Wassertransfers“ aus dem Kongobecken in das Tschadbecken wird aufgegriffen. Das zeigt die derzeitige Studie über das „Projekt für den Wassertransfer vom Oubangui zum Tschadsee“. Es ist ein andere Behandlung derselben Frage, aber der Ansatz ist der gleiche. Wir können nur hoffen, daß das derzeit laufende Projekt wenigstens ausreicht, um den Trend zum Austrocknen des Sees aufzuhalten - wenn dieser Trend gestoppt wird, wäre das auf jeden Fall schon sehr positiv. Deshalb glaube ich, daß das Oubangui-Tschad-Projekt nicht im Widerspruch zu Transaqua steht, sondern daß sie einander höchstwahrscheinlich ergänzen. Aber noch einmal: Notwendig wäre eine Machbarkeitsstudie für Transaqua, doch die europäischen Entwicklungshilfeprogramme werden das wahrscheinlich nicht finanzieren.

30 verlorene Jahre

Meiner Ansicht nach ist die Realität die, daß Europa 30 kostbare Jahre verloren hat, die nur schwer wieder aufzuholen sein werden, weil Europa heute nicht mehr die Einstellung, die Glaubwürdigkeit und die finanziellen Mittel hat, die es noch vor wenigen Jahrzehnten hatte. Es scheint, daß Europa in ein „kommendes finsteres Mittelalter“ herabsinkt, um den Titel eines Buches meines Freundes Roberto Vacca aufzugreifen.

Zum Glück scheinen jedoch bestimmte afrikanische Länder ein neues Niveau an Glaubwürdigkeit zu erreichen. Sechs der höchsten Wachstumsraten im letzten Jahrzehnt wurden in afrikanischen Ländern erreicht, deren BIP im Durchschnitt zwischen 7% und 10% jährlich wuchs. Ich habe eines dieser Länder, Mosambik, besucht, und dort eine enthusiastische und motivierte Jugend vorgefunden, die sich zunehmend an der Realisierung öffentlicher Arbeiten und privater Initiativen im ganzen Land beteiligt.

Diese Generation junger Experten, neuer Unternehmer, mutiger und aufstrebender Intellektueller ist es, auf die Afrika meiner Meinung nach setzen muß, um operationelle „Glaubwürdigkeit“ zu bieten und finanzielles Vertrauen internationaler Organisation zu gewinnen, damit man gemeinsam große Infrastrukturprojekte verwirklichen kann. Das internationale Kapital könnte sich durchaus dafür entscheiden, in junge Volkswirtschaften zu investieren, die aktiv sind und sich entwickeln, statt in ein Europa, das alt wird, sich im Niedergang befindet und dem jede kreative Kraft fehlt.


Anmerkung

1. Stop the Club of Rome Genocide in Africa: A Critique of the Lagos Plan, von Lyndon H. LaRouche, Jr., 1980 MS, EIR - eine Kritik am „Lagos-Aktionsplan: 'Terra-Forming' the Sahara and Nile(April 28-29, 1980) der Organization Afrikanischer Einheit.

Den ersten Teil der schriftlichen Dokumentation der Konferenz des Schiller-Instituts finden Sie in der Neuen Solidarität 28/2011, den zweiten Teil mit den Beiträgen über die Notwendigkeit einer Rückkehr zum Glass-Steagall-Trennbankensystem in der Neuen Solidarität 29/2011. In der Neuen Solidarität 30/2011 erschienen Beiträge zur Frage der wissenschaftlichen Methode. Die Beiträge über die Zerstörung der Realwirtschaft durch die derzeitige Politik finden Sie in der Neuen Solidarität 31/2011. Die Video-Mitschnitte der Konferenzbeiträge finden Sie auf der Internet-Seite des Schiller-Instituts.

Lesen Sie hierzu bitte auch:
Dossier:Großprojekte
- Neue Solidarität Online