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Während seines Aufenthalts in Amerika in den Jahren 1892-95 vermittelte der tschechische Komponist Antonin Dvorak den Amerikanern die Kompositionsmethoden der klassischen Musik, deren höchstes Niveau Dvoraks Freund, Förderer, Mitarbeiter und Künstlerkollege Johannes Brahms verkörperte. In seinem Haus an der East 17th Street, nur wenige Häuserblöcke vom Konservatorium entfernt, komponierte Dvorak die Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ und sein berühmtes Cellokonzert.
Seine Freundschaft und musikalische Zusammenarbeit mit dem afro-amerikanischen Komponisten, Arrangeur und Instrumentalisten Harry Burleigh, dem Geiger Will Marion Cook und anderen führte dazu, daß von Anfang an die afro-amerikanischen Spirituals als Grundlage für die Schaffung einer amerikanischen Kompositionsschule hervorgehoben wurden. Burleigh sang Dvorak die Spirituals vor, und beide sprachen über den Kampf gegen die Sklaverei in Amerika und ihre Aufhebung. Dies bildete für Dvorak die künstlerische Grundlage der Komposition des zweiten Satzes seiner berühmten Neunten Sinfonie, mit einem Thema im Mittelpunkt, das oft fälschlich für ein afro-amerikanisches Spiritual gehalten wird.
Dvorak betonte, eine „große und edle“ amerikanische Kultur müsse auf der Arbeit der Armen gründen, denen Institutionen wie ein Nationales Musikkonservatorium Chancen bieten müßten. Es ist leicht nachvollziehbar, daß so etwas weder den immer anglophileren reichen „Aristokraten“ New Yorks gefiel noch Rassisten wie der Familie E. H. Harriman, die 1904, keine zehn Jahre nach Dvoraks Rückkehr nach Europa, ihr Eugenikinstitut (Eugenics Records Office) in Cold Spring Harbor gründete.
Das Nationale Konservatorium existierte zwar nominell noch bis 1945, wurde aber sehr schnell an den Rand gedrängt - und so wurde nicht Dvoraks klassische Sinfonie aus der Neuen Welt zum maßgeblichen Musikwerk des 20. Jahrhunderts, sondern Strawinskys modernistisches Frühlingsopfer (1913).
Am 25. Mai 1893 verfaßte Antonin Dvorak den folgenden Text, der wenige Tage später (am 29. Mai) im New York Herald veröffentlicht wurde. Er folgt im Wortlaut.
Ich war höchst interessiert am Herald vom letzten Sonntag, weil der Verfasser einen Ton anschlug, der in ganz Amerika erklingen sollte. Meiner Meinung nach habe ich in den Negermelodien eine feste Grundlage für eine neue nationale Schule der Musik gefunden, und meine Beobachtungen haben mich jetzt schon davon überzeugt, daß die jungen Musiker dieses Landes bloß verständige Anleitung, wirklichen Fleiß und ein angemessenes Maß öffentlicher Unterstützung und Anerkennung benötigen, um eine neue musikalische Schule in Amerika zu schaffen. Das ist keine plötzliche Entdeckung meinerseits. Es ist mir erst allmählich aufgegangen.
Die neue amerikanische Schule der Musik muß tief im eigenen Boden Wurzeln schlagen. Es gibt keinen Grund mehr, warum junge Amerikaner, die Talent haben, zur Ausbildung nach Europa gehen sollten. Das ist Geldverschwendung, und es schiebt den Tag hinaus, an dem die westliche Welt wie in vielen anderem, so auch in der Musik unabhängig von anderen Ländern sein wird. Mit dem Nationalen Musikkonservatorium, das Frau Jeanette Thurber gegründet hat und leitet, bietet sich eine Schule an, die den Schulen, die man irgendwo anders findet, in nichts nachsteht. Die Lehrer sind kompetent im besten Sinne und der Geist des Instituts ist ganz universell. Ein erneuter Beweis für die großzügigen Ziele, denen das Nationale Konservatorium sich verpflichtet fühlt, ist die Tatsache, daß es ohne Beschränkungen und Vorbehalte für die schwarze Rasse geöffnet wurde.
Ich finde hier gute Talente vor, und ich bin überzeugt, wenn die jungen Menschen dieses Landes jetzt feststellen, daß es besser ist, zu Hause zu bleiben, als ins Ausland zu gehen, dann werden wir Genies entdecken, denn viele, die Talent haben, sich aber keinen Auslandsaufenthalt leisten können, werden den Mut aufbringen, hier zu studieren. Es sind die Armen, aus deren Reihen ich musikalische Größe erwarte. Die Armen arbeiten schwer; sie studieren sehr ernsthaft. Reiche neigen dazu, leicht an die Musik heranzugehen und die mühevolle Plackerei, der sich jeder ernsthafte Musiker ohne Klagen und Ruhepausen ergeben muß, nicht durchzuhalten. Armut ist für denjenigen, den die Natur mit einem musikalischen Talent bedacht hat, kein Hindernis. Sie ist ein Ansporn. Sie läßt den Geist durchhalten. Sie regt den Schüler zu großer Anstrengung an.
Wenn ich in meiner eigenen Karriere gewisse Erfolge und Anerkennungen erreicht habe, so wurde dies in gewissem Maße dadurch bewirkt, daß ich der Sohn armer Eltern bin und in einer Atmosphäre ständiger Mühen und Kämpfe aufwuchs. Ganz allgemein gesprochen sind die Böhmen ein Bauernvolk. Die erste musikalische Ausbildung erhielt ich bei meinem Schullehrer, einem fähigen und redlichen Mann. Er lehrte mich das Geigenspiel. Anschließend reiste ich mit ihm und wir verdienten gemeinsam unseren Lebensunterhalt. Danach verbrachte ich zwei Jahre an der Orgelschule in Prag. Seitdem mußte ich für mich selbst weiterstudieren. Ich kann nicht ohne Emotion von der Not und Drangsal sprechen, die ich in den langen und bitteren Jahren, die folgten, auf mich nahm. Wenn ich auf jene Zeit zurückblicke, kann ich kaum begreifen, wie ich die Entbehrungen und Mühen meiner Jugend ertragen habe.
Wenn ich in meinen frühen Jahren solche Vorteile gehabt hätte, wie sie heute eine Schule wie das Nationale Musikkonservatorium großzügig bietet, dann wären mir viele der schwersten Prüfungen vielleicht erspart geblieben und ich hätte viel mehr erreichen können. Nicht, daß ich nicht fähig gewesen wäre, Musik zu schaffen, aber ich hatte nicht genug Technik, um alles auszudrücken, was in mir war. Ich hatte Einfälle, aber ich konnte sie nicht präzise ausdrücken.
Amerika bietet Musikern große Möglichkeiten, und sie werden noch zunehmen, wenn hier auf Englisch gesungene große Oper mit öffentlicher oder privater Unterstützung stärker Fuß faßt. Gegenwärtig hat dieses Land auch Bedarf an Material für Orchesterarbeit. Der Mangel an guten, hier geborenen Spielern von Holz- und Blechblasinstrumenten ist spürbar. Jeder will singen oder Klavier, Geige oder Cello spielen. Niemand scheint zu erkennen, wie wichtig gute Hornisten, Posaunisten, Klarinettisten, Flötisten, Trompeter usw. sind. In Böhmen werden den Bewerbern für das Konservatorium die Instrumente nach dem aktuellem Bedarf zugewiesen. Natürlich will fast jeder junge Musiker Geige spielen, aber diese Tendenz zu fördern, würde das System der Orchester untergraben und die Komponisten hätten nicht mehr die Mittel, ihre Werke angemessen zu präsentieren.
Ich stimme nicht mit jenen überein, die behaupten, die Luft sei hier nicht gut für Sänger. Die amerikanische Stimme hat ihren eigenen Charakter. Sie ist anders als die europäische, so wie die englische Stimme anders ist als die deutsche und die italienische. Sänger wie Lloyd und McGuckin haben eine ganz andere Stimmqualität als die deutschen Sänger und die Mitglieder der lateinischen Rasse. Die amerikanische Stimme ist ganz anders als die anderen, sie ist anders als die englische Stimme. Ich spreche nicht von der Methode oder dem Stil, sondern von der natürlichen Qualität, dem Stimmtimbre. Dieser Unterschied ist mir gleich aufgefallen, seit ich in New York bin. Die amerikanische Stimme ist gut; sie gefällt mir sehr.
Wer meint, den Amerikanern sei die Musik fremd, der wird bald feststellen, daß das ein Irrtum ist. Meine einzige Beschwerde ist, daß der amerikanische Musiker sich nicht ernsthaft genug der Arbeit unterwirft, die er tun muß, bevor er für eine öffentliche Karriere qualifiziert ist. Ich muß meine begabtesten Schüler immer daran erinnern, daß sie arbeiten müssen.
Arbeit! Arbeit! Arbeit! Bis zuletzt.
Dieses Land ist voller Melodien, eigenständig, ansprechend und vielfältig in Stimmung, Farbe und Charakter, für jede Art der Komposition geeignet. Es ist ein reiches Feld. Amerika kann eigene große und edle Musik haben, aus seinem Heimatboden emporgewachsen und Teil seiner Natur - die natürliche Stimme einer freien Rasse voller Tatendrang.
Dies beweist mir, daß etwas wie Nationalität in der Musik existiert, in dem Sinne, daß sie den Charakter ihres Ortes annehmen kann. Es liegt nun bei den jungen Musikern dieses Landes und den Förderern der Musik, wie bald sich die amerikanische Schule der Musik entwickeln wird. Ein guter Anfang wurde in New York gemacht. Ehre sei allen, die dazu beitragen werden, diese Arbeit zu verbreitern und zu vertiefen.
Antonin Dvorak