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Neue Solidarität
Nr. 6, 9. Februar 2011

Hyperinflation schürt Hunger und Aufstände in Nordafrika

In seiner Rede vor dem Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos forderte der indonesische Präsident Susilo Bambang Yudhoyono, die Gewährleistung der Versorgung mit Nahrungsmitteln müsse im Rahmen der G20 vorrangig behandelt werden, da die anziehenden Preise zu weitergehenden Unruhen führen könnten. Unter Hinweis auf Daten der FAO sagte Yudhoyono, die Lebensmittelpreise hätten schon wieder das Niveau von 2008 erreicht und könnten „noch weiter steigen“. Schon 2008 hatte es in Ägypten Hungerunruhen gegeben.

Le Monde zufolge stieg der Brotpreis in Ägypten, das 50% seines Getreidebedarfs durch Einfuhren deckt und somit größter Getreideimporteur der Welt ist, schon Ende letzten Jahres monatlich um 10%. Die Gesamtinflation 2010 betrug 12,8%. Le Temps, eine der größten Tageszeitungen Algeriens, verweist auf den Slogan „Brot, Freiheit und Würde“ der ägyptischen Demonstranten als eine Parole, die sie von den Tunesiern übernommen haben. AFP verbreitete die Meldung, daß die „gewalttätigen Demonstrationen der vergangenen Wochen in mehreren Ländern - einschließlich Tunesien und Algerien - zum Teil durch stark steigende Preise für Nahrungsmittel hervorgerufen wurden“.

Was treibt die Nahrungsmittelpreise so stark in die Höhe? Le Figaro berichtete, daß die „Investoren“ bei einem Anstieg des Ölpreises auf über 80$ pro Faß ihr Geld in Biosprit anlegen, dessen Gewinnträchtigkeit ab dieser Marke von marginal auf maßgeblich springt. Dieses Raffen von potentiellen Nahrungsmitteln für die Produktion von Biosprit leert den Tisch der Ärmsten und treibt die Preise in die Höhe. Anfang des Jahres erreichte daher der Weltmarktpreis für Weizen, der im letzten Jahr um 100% stieg, und für Mais derartige Höhen, daß viele Länder „Panikkäufe“ tätigten. Algerien z.B. kaufte noch einmal zusätzlich 600.000 t Weizen, nachdem es bereits einen Notkauf von 1 Mio. t Weizen getätigt hatte. Die französischen Weizenexporte nach Algerien stiegen im Januar um 30%. Marokko, auch Stammkunde Frankreichs, kaufte 900.000 t zusätzlich. Das von russischen Weizenverkäufen abhängige Ägypten wurde von Frankreich bereits mit zusätzlich 700.000 t Weizen beliefert und kaufte im vergangenen Jahr 10,2 Mio. t, anstelle der üblichen 8 Mio. t.

In Ägypten, Marokko, Tunesien, Jemen und Algerien sind die Preise für Grundnahrungsmittel und Energie bis zu 40% staatlich subventioniert. In Marokko, zehntgrößter Weizenimporteur der Welt, würden sich die Preise über Nacht verdoppeln, wenn die Subventionen vollkommen abgeschafft würden. In der letzten Woche sagte Khalid Naciri, marokkanischer Minister für Kommunikation und Sprecher der Regierung, daß „subventionierte Preise wie die für Treibstoffe, Gas, Mehl, Zucker usw. auf den internationalen Märkten stark anziehen“. Um mit der gegenwärtigen Krise umgehen zu können, wird Marokko 10% seines Haushalts, die für öffentliche Investitionen vorgesehen waren, in die Aufrechterhaltung der Subventionen für den Grundbedarf umleiten müssen.

In Algerien kostete 1 Kg Sardinen, der preiswerteste Fisch im Land, Ende Januar 350 Dinar -d sechsmal so viel wie vor einem Jahr. Morad Benachenou, in den neunziger Jahren Wirtschaftsminister Algeriens, veröffentlichte am 7. Januar in der Tageszeitung Le Quotidien d’Oran einen Artikel mit der Überschrift „Schluß mit dem Teufelskreis von Inflation und Aufständen“. Darin schreibt er, daß die Inflation seit 2001 in Algerien anschwoll und die Bevölkerung sich sehr ruhig verhielt. Heute jedoch stünden die Dinge auf der Kippe, da „die negativen Auswirkungen der Inflation untragbar geworden sind und nicht länger mehr akzeptiert werden oder akzeptierbar sind, welche Repressionsmaßnahmen auch immer von den öffentlichen Autoritäten ergriffen oder in Betracht gezogen werden. Der ,auslösende’ Grund für kollektive Reaktionen ist dabei nicht wichtig, da das Übel Schritt für Schritt die algerische Gesellschaft, den Geist und den Körper des Volkes infiltrierte, bis der Punkt erreicht war, daß die einzig vorstellbare Lösung für sie war, auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren, daß sie genug haben. Wenn besonders die politischen Entscheidungsträger sich um eine Analyse der konjunkturellen Gründe bemühen, so ist das nur ,Anekdotismus’ in Gestalt einer politischen und ökonomischen Analyse.“

François Heisbourg von der Französischen Stiftung für Strategische Forschung erklärte, daß sich die Menschen zwischen dem „Washingtoner Konsens“ - britischer Freihandel nach IWF-Muster und Privatisierungen - und dem „Pekinger Konsens“ - Wirtschaftswachstum, das Millionen die Armut überwinden läßt - sehen. „Die Menschen der arabischen Welt vergleichen sich nicht mehr mit denen, die in den ehemaligen Kolonialmächten leben, sondern mit den Nationen, die sich wirtschaftlich entwickelten und in denen Millionen Nutzen aus ihrer Entwicklung zogen. [In der arabischen Welt] lautet die Frage: Warum waren das nicht wir?“

Was in allen diesen Pressemeldungen nicht erwähnt wird, ist, daß ein großer Teil der Gelder, die in die Spekulation mit Nahrungsmitteln fließen, aus den Bankrettungsaktionen der Regierungen und Zentralbanken stammt. Solange weiter Geld gedruckt wird, damit die Spekulationen weiter gehen können, werden die Nahrungsmittelpreise weiter steigen - und irgendwann demnächst auch bei uns.

Karel Vereycken

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