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Neue Solidarität
Nr. 45-46, 5. November 2026

Ein grundlegender Wandel in der katholischen Kirche

Von Pater John Heagle

Beitrag von Pater John Heagle auf der 174. wöchentlichen Online-Sitzung der Internationalen Friedenskoalition (IPC) am 2. Oktober 2026. Pater Heagle ist Direktor der Organisation „Priests Against Genocide“ (Priester gegen Völkermord) in den USA und Mitglied des Verbands katholischer Priester in den Vereinigten Staaten. Der Text wurde leicht bearbeitet, Zwischenüberschriften hinzugefügt. Das Video ist hier verfügbar.

Vielen Dank für die Einladung, an diesem wichtigen Gespräch teilzunehmen. Ich möchte auf den Paradigmenwechsel eingehen, den Helga Zepp-LaRouche hier so kreativ zum Ausdruck bringt. Ich würde es als „Paradigmenwechsel von der Konfrontation zur Zusammenarbeit“ bezeichnen, oder – wie es das Schiller-Institut oft formuliert – vom Rivalen zum Partner.

[Der vorherige Redner] Mike Callicrate zitierte Paul VI.: „Wenn ihr Frieden wollt, arbeitet für Gerechtigkeit.“ Und damit möchte ich beginnen, denn in der Zeit des römischen Militärs gab es eine „Pax Romana“, die besagte: „Wenn du Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor“. Das war die grundlegende Haltung der sogenannten „Pax Romana“ und später der „Pax Americana“ – nämlich, sich auf den Krieg vorzubereiten, sich auf immer mehr Imperium und imperiale Besatzung vorzubereiten statt auf Zusammenarbeit.

Ich möchte daher einen Blick darauf werfen, inwiefern auch die katholische Kirche einen Paradigmenwechsel erlebt und wie sie dabei ist, Teil jener bedeutenden „tektonischen“ oder „seismischen“ Verschiebung zu werden, die sich heute in der Welt vollzieht und die Sie anführen.

Als erstes möchte ich sagen, daß ich auf meinem Schreibtisch ein Zitat des lieben Papstes Franziskus stehen habe: „Die Kirche ist keine Festung der Wahrheit, sondern ein Feldlazarett für die Verwundeten.“ Ich halte das für ein eindrucksvolles Bild oder eine Metapher dafür, worum es bei diesem Paradigmenwechsel wirklich geht: daß die Kirche kein Ort ist, an den man geht, um darüber zu streiten, wer dazugehört und wer nicht – wer Recht hat und wer Unrecht –, sondern daß sie ein Feldlazarett sein sollte, das fragt: Wer blutet, wer wird unterdrückt, wem wird die Würde genommen, und wie können wir diesen Menschen solidarisch zur Seite stehen und ihnen helfen?

Johannes XXIII. hat diesen Wandel hin zur Welt, zur Präsenz mitten in der Welt, in den 1960er Jahren eingeleitet, genauer gesagt im Jahr 1958. Er sprach darüber, wie die Kirche „ihre Fenster öffnen“ solle. Er spricht hier nicht nur von einer Art perfekter, kleiner, dekorativer Vorstellung; es ist eine Metapher dafür, offen zu sein für den Schmerz der Welt, und das findet seinen Ausdruck in den einleitenden Worten der Pastoralen Konstitution über die Rolle der Kirche in der modernen Welt, die ich ebenfalls auf meinem Schreibtisch liegen habe. Darin stehen diese bedeutungsvollen Worte:

Dafür sollen die Fenster geöffnet werden: um die Welt hereinzulassen, um das Leid, den Schmerz und die schreckliche Erfahrung der Spaltung hereinzulassen, die überall auf der Welt vorhanden ist.

Um dies zu untermauern: Kardinal Suenens warf 1962 am Ende der ersten Sitzung des Zweiten Vatikanischen Konzils die Frage auf. Die Bischöfe hatten darüber diskutiert, wie die inneren Abläufe der Kirche aussehen und warum sie von Bedeutung sind. Und Kardinal Suenens stand auf und sagte: „Moment mal, Leute“ – das ist jetzt nicht wörtlich –, „wir haben über das Innere, das innere Leben der Kirche gesprochen, aber was ist mit der Welt?“

Was ist mit der Welt? Er warf dieselbe Frage auf wie Johannes XXIII., dieselbe Frage, die Franziskus auf meinem Schreibtisch liegen hat, und er faßte das zusammen in seiner Abschieds-Enzyklika Pacem in Terris: „Frieden auf Erden“, auf der ganzen Erde!2 Und die entscheidende Neuerung in der Enzyklika von Johannes XXIII. bestand darin, daß sie sich an alle Menschen guten Willens richtete, nicht nur an Katholiken.

Die Kirche muß bei den Unterdrückten sein

Die Kirche möchte Teil der menschlichen Erfahrung sein, nach Heilung zu streben. Die Kirche will nicht nur zum Volk Gottes sprechen, sie will nicht nur reden, lehren oder Anweisungen erteilen. Sie muß zuallererst zuhören. Sie muß im Leid präsent sein. Sie muß dort sein, wo das Leid unter den Unterdrückten wirklich am schlimmsten ist. Daraus entstand die Befreiungstheologie in Lateinamerika – Südamerika und Mittelamerika.

In Populorum Progressio verwendete Papst Paul VI. den Satz, den Sie hier oft wiederholen: „Entwicklung ist der neue Name für Frieden.“3

Und er machte diesen Schritt nach vorne, durch den die Befreiungsbewegung aus Südamerika eine Stimme finden konnte, um für die Unterdrückten zu sprechen, ihnen zuzuhören und die Wahrheit von unten her zu vermitteln; von den Menschen, die unterdrückt wurden; von den Bauern; von den Menschen, die am stärksten unterdrückt wurden. Ihnen mußte man zuhören.

Leider lag in den Aussagen von Paul VI. ein gewisses Maß an Naivität, könnte man vielleicht sagen, denn er ging davon aus, daß die Nationen sich dieser Sache annehmen würden, daß sie freiwillig beginnen würden, die Strukturen der Gewalt, die institutionellen Gewaltstrukturen, die Ungerechtigkeit schaffen, zu zerschlagen. Aber das haben sie nicht getan. Sie haben es nicht getan!

Seit Populorum Progressio sind 60 Jahre vergangen, und wenn überhaupt, dann sind – wie hier bereits angemerkt wurde – die Gräben zwischen den Gerechten und den Ungerechten sogar noch größer geworden. Ich bin auf einem Milchviehbetrieb in Wisconsin aufgewachsen, im Herzen des Mittleren Westens, im Herzen der Vereinigten Staaten. Ich bin ein amerikanischer Priester. Und ich erkenne etwas, das ich das völlige Versagen unserer heutigen Demokratie nennen würde. Ich möchte Teil dieses Paradigmenwechsels sein. Und deshalb engagiere ich mich in der Arbeit, der ich nachgehe. Denn es gibt Grenzen dessen, was möglich ist, wenn man bloß davon ausgeht, daß sich die Nationen von selbst ändern werden. Wir müssen echten Druck ausüben, und der muß vom Volk ausgehen.

1967 nannte Martin Luther King in der Riverside Church in New York drei Übel, die den Paradigmenwechsel verhindern, die uns daran hindern, diesen Sprung zu einer anderen Sichtweise auf die Welt und auf die Menschheitsfamilie zu vollziehen. Er nannte sie beim Namen: Rassismus, Materialismus und Militarismus. Also die ethnische Säuberung, wenn man so will, der Haß auf die, „die anders sind“; der Materialismus – die Gier des Westens und des Nordens gegenüber dem Globalen Süden und dessen Bedürfnissen –, sowie die ständige militärische Aufrüstung, die uns geradewegs in diesen Moment größter Angst führt, den wir heute erleben – einen existentiellen Moment, in dem es zu einem nuklearen Holocaust kommen könnte.

Das bringt uns zu Papst Leo. Warum wurde dieser Robert Prevost gewählt? Ich denke, es gibt Gründe, warum alle überrascht waren, daß ein Amerikaner – besser gesagt kein Amerikaner, sondern jemand aus den Vereinigten Staaten, Amerika umfaßt ja zwei Kontinente -; daß jemand aus den Vereinigten Staaten zum Papst gewählt wurde. Und ich bin überzeugt, daß es nicht daran lag, daß er Amerikaner war, ganz offensichtlich nicht daran, daß er aus den Vereinigten Staaten stammte. Es lag daran, daß er ein Weltbürger war, denn er war auch schon peruanischer Staatsbürger. Er gehörte dorthin. Er arbeitete dort jahrzehntelang. Er setzte sich für die Entwicklungsländer ein, für die am stärksten unterdrückten Länder. Und ich glaube, als es zum Konklave kam, haben die anderen Bischöfe das gesehen und gesagt: „Das ist unser Mann. Das ist der, den wir brauchen.“ Und wahrscheinlich waren es die Bischöfe aus Südamerika und Lateinamerika, die sagten: „Das machen wir.“ Und auch die Bischöfe aus Südasien und anderen Teilen Asiens sahen in ihm die Hoffnung.

Synergie für das Gemeinwohl

Erst neulich verwendete Papst Leo den Ausdruck „Synergie für das Gemeinwohl“. Das klingt nach einem komplizierten Begriff. Aber „Synergie für das Gemeinwohl“ ist ein anderer Begriff für einen Paradigmenwechsel: nicht nur egoistische Energie für meine imperialen Bedürfnisse, sondern Synergie, geteilte Energie, gemeinschaftliche Energie, die dem Gemeinwohl der ganzen Menschheitsfamilie dient.

Und ich denke, genau das hat die Menschen angesprochen, als Papst Leo nach Spanien reiste, als er all diese Orte besuchte, an denen er bisher gewesen ist, und zuletzt nach Frankreich. Weniger als 50% der Menschen in Frankreich bezeichnen sich noch als Katholiken. Es ist ein säkulares Land, und das ist nichts Schlechtes. Ich glaube, sie lehnen sich gegen eine Kirche auf, die sich zu sehr auf das Jenseits konzentriert hat, darauf, uns in den Himmel zu bringen, anstatt darauf, daß „dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“. Darauf liegt der Fokus: Was tun wir jetzt für die menschliche Gemeinschaft?

Und das bringt mich schließlich zu meiner Arbeit bei den „Priestern gegen Völkermord“. Meine Aufgabe hier ist, deutlich zu machen, daß wir darüber nicht nur theoretisch oder gar übertrieben optimistisch reden können. Menschen bluten. Überall auf der Welt findet Völkermord statt, nicht nur in Gaza, Ostjerusalem, dem Westjordanland und Süd-Beirut, sondern auch im Südsudan, im Kongo und an anderen Orten weltweit.

Es gibt Menschen, die wegen ihrer Identität abgeschlachtet werden. Sie werden als „die anderen“ wahrgenommen und als in gewisser Weise entbehrlich angesehen. Meine Arbeit konzentriert sich insbesondere auf den Völkermord, der sich gerade in Gaza abspielt, und auf das palästinensische Volk. Und dazu möchte ich von einem Ereignis berichten, das mir widerfahren ist.

Ich wurde von einem Radiosender aus Berkeley in Kalifornien interviewt, wo die Organisation „Democracy Now“ entstanden ist; er heißt Pacifica Radio. Am Ende stand ein halbstündiges Interview während der Hauptverkehrszeit. Und als ich am Ende des Interviews gerade aufgelegt hatte, erhielt ich sofort eine E-Mail von einer Frau, die Aktivitäten von „Doctors Against Genocide“ (Ärzte gegen Völkermord) koordiniert. Sie schrieb: „Wow! Wir müssen zusammenarbeiten!“

Und das ist Synergie für das Gemeinwohl, wenn ich das mal betonen darf. Allein unsere Zusammenarbeit und unser gemeinsames Engagement haben der Arbeit für ein Ende des Krieges – es ist nicht nur ein Krieg, der in Gaza tobt, es ist ein Krieg dieser rechten israelischen Regierung gegen das Volk – eine ganz neue Energie verliehen.

Und ich möchte mit einem Gedicht schließen.

Das ist ein eher tragisches Ende, aber es ist eine Aufforderung an uns zu erkennen, daß dort, wo Menschen bluten, sozusagen das Feldlazarett sofort vor Ort sein muß: wo Menschen bluten. Es ist ein Gedicht, geschrieben aus der Perspektive eines kleinen Kindes aus Palästina, aus Gaza. Während der Bombardements gab es eine Tradition: Die Eltern schrieben ihren Kindern deren Namen auf die Beine, für den Fall, daß sie unter den Trümmern verschüttet oder schlichtweg von den Bomben fast ausgelöscht würden. Es ist ein Gedicht der palästinensisch-amerikanischen Aktivistin Zeina Azzam:

Ich möchte mich euch allen anschließen bei der Suche nach – in den Worten von Papst Leo – „einem entwaffneten und entwaffnenden Frieden“. Und ich weiß und erkenne, daß ich bei meinem eigenen Leben beginnen muß. Ich muß erkennen, wie ich entwaffnet werden muß. Und nur wenn ich von meinem Zorn, meinem Groll und meinen Ängsten entwaffnet bin, nur wenn ich entwaffnet bin, kann ich zu einer entwaffnenden Präsenz werden.

Vielen Dank.

Gegen Ende des Treffens hielt Pater Geagle noch das folgende Schlußwort.

Es erfüllt mich mit Demut, den Experten zuzuhören, insbesondere im Bereich der Ernährung. Ernährung hat einen so tiefgreifenden Einfluß in ihrer Wechselbeziehung zu allem anderen im Hinblick auf die Frage der Gerechtigkeit. Und das letzte, was ich heute sagen möchte, ist, daß in der katholischen Kirche gerade ein tiefgreifender Wandel stattfindet – weg von der Theorie des „gerechten Krieges“ hin zum „gerechten Frieden“.

Papst Leo hat gesagt, daß das Verständnis und ganz besonders die Praxis des „gerechten Krieges“ vorbei ist. Sie ist nicht mehr angemessen, nicht mehr wirksam. Man muß sich auf ein neues Verständnis des „gerechten Friedens“ zubewegen, statt nur zu fragen: „Wie bereiten wir uns auf den Krieg vor?“

Das soll nicht heißen, daß es keine Situationen geben kann, in denen ein Land, dessen Existenz durch einen Feind bedroht ist, kein Recht hat, sich zu verteidigen. Aber oft wurde die Theorie vom gerechten Krieg einfach nur als Vorwand benutzt, um in den Krieg zu ziehen.

Deshalb möchte ich das, was die IPC anbietet, verstehen und hervorheben: den wunderbaren Brief des Appells an Papst Leo zur Einberufung eines Gipfeltreffens.5 Ich möchte noch einmal betonen und unterstreichen, wie wichtig das ist, und Sie alle einladen, diesen Brief unbedingt zu unterzeichnen. Und ich danke Ihnen für das Geschenk, daß Sie hier sind.

Vielen Dank.


Anmerkungen

1. PASTORALE KONSTITUTION – GAUDIUM ET SPES – ÜBER DIE KIRCHE IN DER WELT VON HEUTE,
    Internetseite des Vatikans.

2. ENZYKLIKA – PACEM IN TERRIS – RUNDSCHREIBEN UNSERES HEILIGEN VATERS JOHANNES PP. XXIII.,
    Internetseite des Vatikans.

3. ENZYKLIKA DES HEILIGEN VATERS PAPST PAUL VI. – POPULORUM PROGRESSIO – ÜBER DIE ENTWICKLUNG DER VÖLKER,
    Internetseite des Vatikans.

4. „Letters for Palestinian childhoods”.

5. „Aufruf an Papst Leo XIV., einen Weltgipfel zu organisieren um die Fragen des Friedens
    und der nuklearen Abrüstung anzugehen”
, Neue Solidarität Nr. 35-36, 27. August 2026.

Weitere Beiträge der Internationalen Friedenskoalition (IPC)

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